Berlin : Medizinische Versorgung: Mängel gibt es in fast jedem Pflegeheim

Amory Burchard

Mehr Kontrolle von Pflegeheimen und Hauspflegestationen fordert die sozialpolitische Sprecherin der CDU, Annelies Herrmann. Bislang hätten der Medizinische Dienst der Krankenkassen und die Heimaufsicht des Landes Berlin offenbar nicht energisch genug durchgegriffen, um Misstände abzustellen. Seit langem leite sie Beschwerden von Angehörigen an diese Stellen weiter, sagt Herrmann. Positive Rückmeldungen aber erreichten sie bislang kaum. Zustände wie im "Haus Mannack" in Spandau, das jetzt wegen mangelnder Versorgung und Verwahrlosung der Patienten geschlossen wurde, seien kein Einzelfall.

Akut wurde die Problematik für die sozialpolitische Sprecherin im September 2000, beim Tag der offenen Tür im Abgeordnetenhaus. Gemeinsam mit ihren Kollegen der anderen Fraktionen hatte Herrmann zu einer Bürgerrunde zum Thema Pflege eingeladen. Die Klagen seien immer dieselben gewesen: Bettlägerige werden nicht oft genug gedreht, ziehen sich offene Stellen zu. Sie bekommen zu wenig zu trinken, sie werden zu selten gewaschen, werden nicht trockengelegt und haben keine menschliche Ansprache. Dazu komme ein schlechter baulicher Zustand der Heime im Westteil der Stadt, wo es anders als im Ostteil nach der Wende keine Sanierungsprogramme gab.

Im Ausschuss für Gesundheit und Soziales brachte Herrmann das Thema Heimpflege auf die Tagesordnung. Zu der Sitzung am 25. Januar wurden der Medizische Dienst der Krankenkassen und Vertreter der Pflegekassen angehört. Auch die Berliner Heimaufsicht hätte Herrmann gerne befragt. Aber diese untersteht nicht mehr der Kontrolle des Parlaments. Seit dem 1. Januar 2001 ist die Heimaufsicht im Zuge der Verwaltungsreform an das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg verlagert worden. "Das ist nicht sehr glücklich", kommentiert Herrmanns. Jetzt müsse man die Kontakte zur Heimaufsicht neu aufbauen. Die Arbeit der Stelle, die über 336 stationäre Pflegeheime in Berlin wacht, wurde schon im Dezember vom Landespflegeausschuss kritisiert - wegen mangelnden Engagements bei der Behebung von Missständen.

An der Schließung des Spandauer Heimes sowie 17 weiterer Einrichtungen seit Oktober 1998 war auch der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) beteiligt. Der MDK überprüfte bis Ende letzten Jahres 22 Prozent der Pflegeheime. Mängel, sagt Martina Wilcke-Kros, Referentin für Qualitätssicherung, gab es in fast jedem Heim. In 74 Prozent hatten die Bewohner keine Ansprache, es gab keine Freizeitangebote. In mehr als der Hälfte war die Pflege "passivierend": Die alten Menschen wurden gewickelt, statt sie zur Toilette zu führen, sie erhielten Breinahrung, obwohl sie noch beißen konnten. In 40 Prozent der untersuchten Heime bekamen sie nicht genug zu trinken.

Das Prozedere, das in krassen Fällen zur Schließung von Heimen führen könnte, ist kompliziert. Der MDK reagiert auf Beschwerden über Missstände, Zufallsstichproben werden selten gemacht. Das Mängelprotokoll geht dann an die Arbeitsgemeinschaft der Pflegekassen. Diese bestellt das Heim zu einer Anhörung. Dann wird der MDK beauftragt, Auflagen zur Verbesserung der Pflege zu erteilen. Nach einiger Zeit wird das Heim erneut überprüft. Die Zustände im "Haus Mannack" waren im Mai 2000 erstmals beanstandet worden. Geschlossen wurde es am Freitag vergangener Woche.

Die Diskussion über Schließungs-Fälle wie das "Haus Mannack" sei hilfreich, sagt Wilcke-Kros: Immer mehr Ärzte, Pflegekräfte und Angehörige alarmierten nun selber den MDK. Viele müssten erst ihre Scham überwinden, so lange zugesehen zu haben, ohne etwas zu tun.

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