Berlin : Mehr Freiheit für Schulen

Direktoren dürfen Lehrer auswählen und Etat selbst verwalten

Susanne Vieth-Entus

Berliner Schulen können künftig heftig aus der Reihe tanzen – wenn sie wollen: das Sitzenbleiben abschaffen, selbst Lehrer auswählen, neue Fächer kreieren, mit den Eltern Bildungsvereinbarungen abschließen, außerschulische Kooperationspartner einbinden und vieles mehr. All dies gehört zum Modellvorhaben „eigenverantwortliche Schule“, das Bildungssenator Klaus Böger (SPD) gestern mit der grünen Ex-Schulsenatorin Sybille Volkholz vorstellte. Im Sommer soll es losgehen.

Seit Jahren setzt sich die Überzeugung durch, dass Schulen mehr Selbständigkeit, aber auch mehr Kontrolle brauchen, wenn sie ihre Qualität verbessern wollen. Diese Überlegung ist auch Herzstück des geplanten Schulgesetzes. Unklar war bisher aber, wie sich das im Alltag umsetzen lässt. An dieser Stelle greift jetzt das Modellvorhaben: Ein ehrenamtliches Team bestehend aus Sybille Volkholz, dem Juristen Ingo Richter und dem Unternehmensberater Jobst Fiedler wird innovationsfreudige Schulen bei ihrem Weg in die Selbständigkeit begleiten. Unterstützt werden sie dabei von den Senatsverwaltung für Bildung und Finanzen und von Volksbildungsstadträten.

Gerade die Stadträte spielen eine wichtige Rolle beim Gelingen des Vorhabens. Schließlich sollen die Schulen erheblichen finanziellen Freiraum bekommen und Mittel verwalten, die bisher auf Bezirksebene verankert sind. In diesem Bereich gab es bisher extrem große Reibungsverluste. So konnte es etwa passieren, dass eine Schule mit viel Engagement Geld einsparte und der Bezirk dann diese Summe einfach einstrich, obwohl die Schule damit besondere Investitionen realisieren wollte. So etwas soll mit der neuen Zusammenarbeit im Modellvorhaben verhindert werden, betonte Böger.

Damit die weitreichenden Pläne nicht in der Masse der 840 Berliner Schulen stecken bleiben, wird zunächst nur mit drei Bezirken gestartet: Alle Schulen in Mitte, Charlottenburg-Wilmersdorf und Tempelhof-Schöneberg können sich freiwillig entscheiden, ob sie die neue Freiheit genießen, aber auch die zusätzliche Verantwortung tragen wollen. Außerdem können die Schulen in Landesregie mitmachen, also etwa die Sportoberschulen und Berufsschulen.

Wo die Grenzen der neuen Freiheit liegen, können die Schulen in Absprache mit ihren Projektmanagern selbst ausloten und in Zielvereinbarungen festlegen. Es gibt „kleine“ Lösungen, die etwa vor allem auf die Qualitätskontrolle abzielen. Dies könnte bedeuten, dass Schulen nicht nur in den Hauptfächern, sondern auch in weiteren Bereichen Vergleichsarbeiten schreiben und die Ergebnisse mit Hilfe der Bildungsfachleute auswerten lassen. „Große“ Lösungen könnten darin bestehen, dass Personal- und Bewirtschaftungsmittel weitgehend selbst verwaltet werden: Endlich könnten die Schulen selbst Lehrer auswählen.

In jedem Fall müssen die interessierten Schulen ein eigenes Programm formulieren, das ihr Profil und ihre Vorstellung von Unterricht und Schulleben festschreibt. Dazu könnte dann etwa gehören, dass schwache Schüler speziell gefördert werden und nicht mehr sitzen bleiben dürfen. Schulen könnten auch die Klassenfrequenzen erhöhen und die gesparten Personalmitteln anderweitig einsetzen. Oder sie könnten von der vorgeschriebenen Stundentafel abgehen. Oder statt Chemie/Physik/Biologie nur noch das zusammenfassende Fach „Science“ anbieten. Das Projektsoll in drei Jahren abgeschlossen sein. Die Erfahrungen werden laufend auf die übrigen Schulen übertragen.

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