Berlin : Mehr Gewalttaten – aber weniger Haftbefehle

Jugendkriminalität: Die Delikte werden zunehmend brutaler, doch Richter lassen Täter immer häufiger laufen, klagt die Polizei

Tanja Buntrock

Der Trend war abzusehen, dennoch ist er erschreckend – da sind sich die Experten einig. Die Zahl jugendlicher Gewalttäter ist 2006 in Berlin um fünf Prozent gestiegen. Und offenbar werden die jungen Täter, die zu 80 Prozent nicht-deutscher Herkunft sind, immer brutaler: Sie begehen mehr Taten mit Waffen, vorzugsweise mit Hiebwaffen, wie Knüppel und Totschläger. Hier stieg die Zahl um fast 76 Prozent. Doch gleichzeitig ist die Zahl der Haftbefehle, die gegen diese jugendlichen Gewalttäter erlassen worden sind, um fast zehn Prozent zurückgegangen.

„Die Hemmschwelle der jungen Täter wird immer niedriger, die Gewalt immer brutaler“, kommentiert der Vorsitzende des Innenausschusses, Peter Trapp (CDU), die Zahlen. Er plädiert dafür, dass die Strafe für die Täter „sofort nach der Tat erfolgen muss und nicht erst etliche Monate später“. Für Jugendliche, die sich nicht einsichtig zeigen, sei ein „Warnschuss-Arrest“, also Knast auf Probe, möglicherweise ein geeignetes Mittel. Auch die geschlossenen Heime, wie in Brandenburg, seien erfolgversprechend, „um junge Täter wieder in die Gesellschaft zu integrieren“, sagt Trapp.

Der Vorsitzende des Bunds der Kriminalbeamten (BdK) in Berlin, Rolf Kaßauer, forderte die Richter gestern auf, Haftbefehle stärker mit Wiederholungsgefahr zu begründen und nicht mehr nur mit Fluchtgefahr. „Es geht doch auch darum, Unschuldige vor diesen Straftätern zu schützen“, sagte Kaßauer. Doch diese Forderung hält ein Jugendrichter, mit dem der Tagesspiegel sprach, für unrealistisch: „Für den Haftgrund Wiederholungsgefahr müssen ganz konkrete Hinweise vorliegen, dass dieser Täter genau diese Tat in Kürze wieder begehen wird“, erklärt er. Dies sei rechtlich nur schwer durchsetzbar. Er appelliert an alle Jugendrichter, dass Gewalttätern „eindeutige Grenzen“ gesetzt werden müssen. „Wo Haftbefehle erwirkt werden können, muss dies auch geschehen“, sagt er. Vor allem die Sanktionen für die Straftäter spielten dabei eine entscheidende Rolle. Auch er hält es für sinnvoll, die kriminellen Jugendlichen möglichst aus ihren Familien zu nehmen, um sie beispielsweise in geschlossenen Heimen in Brandenburg unterzubringen. Ein Aufenthalt im Jugendknast sei nur dann sinnvoll, wenn er mindestens zwei Jahre dauerte, sagt er. „Erst dann kann dort erzieherisch auf die jungen Menschen eingewirkt werden.“

Der innenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Thomas Kleineidam, sagt: „Nur ein Bündel von Maßnahmen kann etwas bewirken.“ Es gebe noch immer Handlungsdefizite, was die Vernetzung der Behörden angeht. Kleineidam schlägt vor, ähnlich wie beim Netzwerk Kinderschutz, ein ebensolches im Bereich der Jugendgewaltkriminalität zu entwickeln. Zudem hält er es für sinnvoll, Präventionsprojekte wie die Landeskommission gegen Gewalt zu überprüfen, ob sie erfolgreich sind. (Seite 1 und Meinungsseite)

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