Berlin : Mein öder Wahlkampf

Nur wenige Politiker in der Region suchen über Weblogs Kontakt zum Bürger Und die meisten der Internet-Tagebücher sind auch noch banal

Torsten Gellner

Gemessen an den in Wahlkampfzeiten üblichen Versprechungen gibt sich Katherina Reiche eigentlich bescheiden: Sie stellt den Bürgern „eine Reise durch einen spannenden Wahlkampf“ in Aussicht. So jedenfalls begrüßt die CDU-Politikerin die Leser ihres Tagebuchs. Man muss nicht indiskret sein, um in den Aufzeichnungen der Bildungsexpertin zu stöbern: Ein Blick ins Internet genügt. Denn Reiche ist eine der wenigen Politikerinnen der Region, die seit neuestem ein so genanntes Weblog führen.

Ein Weblog, kurz Blog, ist eine Tagebuch ähnliche Internetseite, auf der ein Autor regelmäßig Ansichten und Erlebnisse veröffentlicht. Das Erstellen eines Blogs ist fast so leicht wie E-Mails schreiben und geht genauso schnell. Im Ausland sind Polit-Blogs schon länger etabliert und erfolgreich. Im US-Wahlkampf konnte etwa der Demokrat Howard Dean mit seinem Online-Tagebuch satte 40 Millionen Dollar Spenden eintreiben.

Im Vergleich hinkt die hiesige Blog-Szene reichlich hinterher und präsentiert sich im Wahlkampf recht verschlafen. Von Ortstermin zu Ortstermin führt zum Beispiel Katherina Reiches Weblog. Eben noch an der „reichlich gedeckten Kaffeetafel“ im Kinderheim, schon im „renommierten Brandenburger Institut für Binnenfischerei“. Sobald sie konkret werden müsste, folgt die Flucht ins Banale. Davon zeugt Reiches Bericht über eine Diskussion am Infostand: „Die Sonne schien und in den Gesprächen ging es ums Eingemachte: Wie schaffen wir mehr Arbeitsplätze? Wie soll das Gesundheitssystem für die Zukunft fit gemacht werden?“ Antworten bleiben aus. Stattdessen beglückt Frau Reiche ihre Leser mit Impressionen vom Senioren- und Pflegeheim Güterfelde.

Katharina Reiche ist neben der PDS-Abgeordneten Petra Pau die wohl prominenteste unter den regionalen Polit-Bloggern, ansonsten nutzen vor allem weniger bekannte Kandidaten das neue Medium. Einen Diepgen-, Thierse- oder Gysi-Blog sucht man vergebens. Aus dem Büro des sonst so umtriebigen Grünen Hans-Christian Ströbele, ebenfalls ohne Blog, erfährt man, warum das so ist. „Ein Weblog will gepflegt sein, schließlich wollen wir die Leser nicht mit einem schlechten Angebot enttäuschen“, erklärt Mitarbeiter Dietmar Lingemann. „Das ist alles sehr zeitintensiv – und die Zeit haben wir momentan nicht.“

Wenig Zeit nimmt sich auch Angelika Krüger-Leißner. Die SPD-Kandidatin für Oberhavel füttert ihr Tagebuch vornehmlich mit Pressemeldungen, die teils sogar fehlerhaft in die bei Blogs übliche Ich- Form übertragen wurden. Solche Mehrfachverwertung böte genug Angriffsfläche für Gegner. Doch die bloggenden Kandidaten scheinen sich darum so wenig zu kümmern wie um die Kommunikation mit dem Bürger. Dabei laden Weblogs geradezu zur Interaktion ein. Viele Leser nutzen die Möglichkeit, Beiträge zu kommentieren oder Fragen zu stellen – bloß: Antworten erhalten sie von den Politikern kaum. Da wird etwa FDP-Mann Christian Griebel aus Brandenburg in seinem Blog gebeten, die Bedeutung der knappen Slogans seiner Partei am konkreten Beispiel zu erläutern. Keine Reaktion. Und das, obwohl sich Griebel explizit „spannende Diskussionen“ wünscht.

Wer sich vom Stöbern in einem Politiker-Tagebuch intime Einblicke erhofft, wird enttäuscht. Nur einmal, im Blog der PDS-Frau Dagmar Enkelmann, wird es persönlich. Der Anlass ist traurig, sie schildert, wie sie der plötzliche Tod des Vaters aus der Wahlkampfbahn wirft: „Auf einmal ist alles andere nebensächlich, vor allem der Terminkalender.“

Über das Weblog-Portal www.wahl.de sind alle erwähnten Blogs erreichbar.

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