Meine Zeit bei der Wohnungshilfe für Frauen : Mauern um die Seelen

Die Arbeit in der Notfallhilfe für Obdach suchende Frauen im Wedding stellt nicht nur die Bewohner, sondern auch die Betreuer auf eine harte Probe. Unsere Autorin schreibt über ihre Erfahrungen während mehrerer Monate als ehrenamtlicher Nachtdienst.

Johanna Sailer
Johanna Sailer ist freie Autorin in Berlin und schreibt für den Wedding Blog des Tagesspiegel.
Johanna Sailer ist freie Autorin in Berlin und schreibt für den Wedding Blog des Tagesspiegel.Foto: privat

Vor einem Jahr entwickelte ich mehr und mehr ein klares Verlangen: Ich möchte Gutes tun! Zunächst wollte kein Kulturhaus und keine Sozialberatung eine Philosophiestudentin auf seine Klienten loslassen. Dann kam das Angebot, als studentischer Nachtdienst in einem Obdachlosenheim für Frauen zu arbeiten.

Wenige Tage später saß ich mit der Heimleitung im Hinterhof eines Sozialdienstes im Wedding und ließ mir von der Arbeitssituation erzählen. Man dürfe kein Mäuschen sein, hörte ich, man arbeite allein und hätte die volle Verantwortung - für 40 Frauen. Die meisten Frauen seien psychisch krank, fuhr die Heimleiterin fort. Manche gehörten eigentlich in eine Klinik, es gebe viele Fälle von Schizophrenie. Das Leben vieler Menschen hier sei gezeichnet von Drogenmissbrauch, Konflikten mit dem Gesetz, wiederholter Wohnungslosigkeit. Um weitere Verletzungen zu vermeiden, bauten diese Menschen eine dicke Mauer um ihre Seele.

Eigentlich ähnelt dieses Wohnheim einem Abstellgleis. Die Betreuer sind Servicekräfte, die versuchen, den Bewohnern den Aufenthalt möglichst angenehm zu machen.

Nach zwei Hospitationen stand meine erste eigene Schicht an. Meine Einarbeiterin riet mir, die so genannte Trainerpauschale für ehrenamtliche Nachtdienste - 63,50 Euro pro Dienst - nicht auf die Stunden herunterzurechnen. Da käme man nur auf fünf Euro. Nun gut, es ging ja um eine gute Sache.

Sie selbst arbeitete bereits seit zwei Jahren als Nachtdienst. Sie hatte ihre festen Muster etabliert, mit den Bewohnerinnen umzugehen, hatte ihre einstudierten Sätze, den immer gleichen Tonfall und wählte bei jeder Konfrontation automatisch den geeigneten Sicherheitsabstand. Ich war überzeugt, dass es auch anders gehen würde.

Anfangs waren die Frauen auch durchaus freundlich, erzählten aus ihrem Leben und bedankten sich oft. Auch untereinander waren sie größtenteils loyal – nach dem Prinzip: Ich toleriere deine Macke, bitte toleriere auch meine; lass mich mit dem Wasserkocher reden, dann lass ich dich auch die Toilettenspüle zehn Mal hintereinander betätigen. Die Bewohner schafften es teilweise, Konflikte unter sich auszuhandeln. Nicht selten hatte ich das Gefühl, dass die ein oder andere Spießer-WG hier etwas lernen könnte.

Einen Monat lang glich mein Dienst eher einer Feldforschung, bis es während der fünften Schicht zur ersten Grenzerfahrung kam. In das Wohnheim war gerade eine Frau mit schweren Drogenproblemen und Halluzinationen gezogen. Sie erlitt in meiner Anwesenheit eine Panikattacke, zog mich in ihr Zimmer und schaltete das Licht aus. Auf ihrem Teppich blitzte ein Messer, in der Ecke lagen blutige Taschentücher. Sie meinte, ich solle nur sagen, ob da Tiere in ihrem Zimmer seien.

Du siehst die Raubtiere, die eine Person hetzen

Die monatliche Teamsitzung bereitet einen nicht auf solcherlei Situationen vor. Einzig dein Überlebensinstinkt rät dir, ruhig und rational zu bleiben. Fragen nach Sicherheit, Freiheit und Wahrheit erscheinen dir in diesem Moment lebensfern. Wenn jemand dich derart in seine Welt zieht, siehst du die Raubtiere, die diese Person tagtäglich hetzen; keine Hirngespinste einer Verrückten, sondern Verbildlichungen einer untragbaren Leidensgeschichte. Ich bekam sie dazu, das Licht anzuschalten. Nachdem ich jede Ecke im Zimmer nach giftigen Insekten durchsucht hatte, wollte sie mir als Zeichen ihrer Kooperationsbereitschaft ein Tütchen Marihuana zustecken.

Draußen an der frischen Luft begann sie über die Ursachen ihrer Ängste zu sprechen. Mir wurde klar, dass ich hier meine Aufgabe überstieg. Laut Vertrag sollte ich nicht mehr als eine lebendige Sicherheitskamera sein. Während ich ihr meine volle Aufmerksamkeit widmete, dachte ich an die 39 anderen Frauen. Nach einer Viertelstunde machten sich zwei von ihnen lauthals bemerkbar. Frau H. behauptete, dass Frau K. mir ihrem exzentrischen Parfüm einen Ausschlag begünstige. Solange Frau K. das Parfüm nicht weglasse, wüsste Frau H. sich nicht anders zu helfen, als laut zu schreien.

Man kämpft im Obdachlosenheim um jeden Zentimeter Freiraum, jeder Zipfel Eigentum kann zum Schatz werden. Eines der schlimmsten Gefühle muss sein, kein Revier mehr zu haben, das es zu verteidigen gilt.

Ein anderer Blick auf den Wedding

Als ich nach 13 Stunden Dienst das Wohnheim verließ, erschien mir der Wedding verändert. Ich betrachtete die Menschen mit neuem Blick, sie machten mir Angst. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, zum ersten Mal einen Job gefunden zu haben, bei dem ich wirklich etwas leistete.

Ich arbeitete ungefähr fünf Mal monatlich in der Einrichtung. Nach sieben Monaten fühlte ich mich halbwegs ausgebrannt. Als ich bemerkte, dass ich mich aus Selbstschutz immer mehr mit einer distanzierten Sozialarbeiter-Attitüde umgab, beendete ich vorerst meine Dienste.

Ich kann gut verstehen, dass man als Sozialarbeiter und Psychologe nach wenigen Jahren lieber den Bürostuhl drückt oder gar in Frührente geht, als das Risiko einzugehen, irgendwann auf der anderen Seite des Therapietisches zu landen. „Abgrenzen“ ist eine Utopie.

Johanna Sailer wurde 1986 in Pankow geboren, sie wuchs in Mitte auf, ging in Prenzlauer Berg zur Schule und wohnt nun seit drei Jahren im Wedding. Sie schreibt derzeit an ihrem ersten Roman, für den Wedding-Blog hat sie bereits über ihr Leben an der Bösebrücke geschrieben. Einmal monatlich veröffentlicht sie in der Kiezzeitung Prenzlberger Ansichten. Ihr Blog heißt: primatberlin.wordpress.com.

Dieser Artikel erscheint im Wedding-Blog, dem Online-Magazin des Tagesspiegel.

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