Berlin : Melitta Stegenwalner (Geb. 1919)

Wie in der Konfektion, so auch im Leben

Anselm Neft

Konzentriert lehnt die junge Frau mit der hochgesteckten Frisur an einem Arbeitstisch voller Scheren, Zwirnrollen, Maßbändern und Stecknadeln. Vor ihr eine Schneiderpuppe, angetan mit einem rechteckig gemusterten Kleid. Mit der linken Hand fixiert die Frau die Schulterpartie des Kleides, mit der rechten greift sie nach einer Stecknadel, die sie zwischen ihren Lippen hält. Ringsherum sitzen Mädchen an schwarzen Nähmaschinen oder sortieren Knöpfe in Kästen. Den Gesellinnenbrief hat Melitta in der Tasche, seit sie 18 ist. Ausgestellt hat ihn der Vater, ein Zwischenmeister. So einer stellt Kollektionen für Modeschöpfer, Konfektionäre oder den Einzelhandel her. Ein Geschäft, das in den zwanziger und dreißiger Jahren in Berlin blüht. Melitta liebt ihren Beruf und sie liebt ihren Vater, der ihr Talent fördert und ihr Selbstbewusstsein stärkt, gerade nach dem frühen Tod der Mutter.

Im Krieg ernährt sie als Kostümschneiderin bei der Filmfirma Tobis ihre beiden jüngeren Geschwister mit. Sie lernt Alfred kennen, einen lebenslustigen Unternehmer. Er wird ihr erster Ehemann. Ihre erste und einzige Tochter kommt am 25. Dezember 1943 zur Welt. Bettina wird nach dem Gänseessen geboren und im Franziskanerkrankenhaus von Nonnen besungen.

Ein Leben als Hausfrau kommt für Melitta nicht infrage. Fürs Kochen und Putzen gibt es Personal. Eine Dame hat andere Verpflichtungen – die Schönheitspflege zum Beispiel. Aber das genügt ihr bald nicht mehr; sie steigt in Alfreds Firma ein, das Modehaus Gründt. Während ihr Mann das buchhalterische Wissen einbringt, kann sie kreativ sein, und sei es, dass sie aus Stoffresten und alten Vorhängen modische Kleider näht; gute Stoffe sind in der Nachkriegszeit knapp.

Die Lage bessert sich, das Nachholbedürfnis der Leute ist groß, Melitta und Alfred mittendrin. Ihre Freizeit verbringen sie auf Tennisplätzen und Segelschiffen, in Bars und Restaurants. Alfred sammelt schicke Autos, Melitta schicke Kleider. Feier reiht sich an Feier, und die kleine Bettina schaut interessiert den Großen zu. Melitta ist ihre ferne, damenhafte Mutter.

Nach dem Mauerbau geht es mit der Berliner Konfektionsbranche bergab. Die Firma Gründt geht zugrunde und mit ihr die Ehe von Melitta und Alfred. Aber es dauert nicht lange und die Geschiedene lernt im Karnevalsverein den schmucken Peter kennen, Besitzer einer Firma für Lichtpausgeräte. Er wird in der Session ’62 / ’63 Karnevalsprinz, sie Prinzessin. In blauem Umhang, mit silbernem Krönchen lächelt Melitta I. stolz in die Kamera. Und Peter wird ihr zweiter Mann. Auch er weiß das Leben zu leben, liebt das Segeln und die Trabrennbahn. Und nach und nach entwickelt Melitta Sinn für’s Familiäre: Geburtstagsfeiern, Weihnachten.

Über den frühen Tod ihrer Geschwister spricht Melitta nicht. Das gehört zu ihren Grundsätzen: Das Gute betonen und das Unerfreuliche verbergen, wie in der Konfektion, so auch im Leben.

Da Melitta nicht mehr arbeitet, wendet sie nun noch mehr Zeit auf für die Auswahl ihrer Kleider, ihres Schmucks, ihres Make-ups. Alles muss stimmen. Es ist schlimm genug zu altern. Sie findet es unverschämt, was das mit der Haut macht. Man sieht sie nie anders als perfekt zurechtgemacht, ob sie nun mit ihrem Fox-Terrier Tronje durch den Grunewald flaniert oder zu Hause sitzt und die Gala liest.

In den letzten Jahren hört Melitta immer schlechter. Trotz eines Hörgerätes muss sie bald das Lippenlesen lernen, spricht selbst lauter als nötig und ist stärker auf Peter angewiesen, da sie weder das Telefon noch die Haustürklingel hört. Die Familientreffen liebt sie und vor allem ihre beiden Enkelkinder. Eine typische Mutter war sie nie, Oma zu sein, fällt ihr leichter.

In ein Altersheim will sie nicht: „Da sind ja nur alte Leute!“ Sie geht lieber zum Italiener, wo sie mit Aperitif und Light-Zigarette die Grande Dame gibt. Ihr zweiter Fox-Terrier, Ruby, wächst ihr besonders ans Herz. Die Kleine ist ihr Schätzchen und darf auch zu ihr ins Bett. Als der quirlige Hund stirbt, stirbt auch Melittas Lebenswille. Die Contenance wahrt sie jedoch bis zum Schluss. Anselm Neft

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