Berlin : Menschen in Schwindel erregender Höhe: Leben am Haken

Thomas Loy

Sie arbeiten in 30, 50 oder gar 100 Meter Höhe: Weil beim Sony Center die Scheiben schmutzig sind. Aum Kurfürstendamm ein Kran aufgebaut werden muss. Oder eine Hochspannungsleitung den letzten Sturm nicht heil überstanden hat. Aufzug ? Nein, danke. Der Tagesspiegel blickt in lockerer Folger mit den Höhenarbeitern auf die Stadt herab. Als nächsten Teil lesen Sie: die Führerin des SAT-1-Ballons.

9. Stock. Bürotrakt, zurzeit leer stehend. Grüne Auslegeware, die Flur und Zimmer durchläuft, changierend, lärmschluckend. Sprinkleranlage. In die Decke eingelassene Leuchten mit Abblendvorrichtung. Zweischreibtischzimmer neben Einschreibtischzimmer. DIN-genormter Abstellplatz für Aktentaschenträger. Mitten hinein in diese kafkaeske Trübnis bricht das Abenteuer, in Gestalt von Paul und Kuno, den Handwerkern der Lüfte.

Paul macht ein Fenster auf, setzt sich auf die Absturzkante und raucht eine Zigarette bis zur Filtergrenze. Schnipp und weg. Blonde Locken quellen unter seinem verdrehten Käppi hervor. "Der Blick ist unbezahlbar", raunt er über dem Gipfelpanorama. Neukölln von schräg oben, dahinter der braungraue Flughafen Tempelhof. Grandios.

Kuno, dunkelgelockt und stets verschmitzt schweigend, bereitet unterdessen alles Nötige für den Abstieg vor. Etwa 37 Meter sind es von hier bis zur Ebene 0. Büromenschen nehmen dazu den Fahrstuhl, Kuno und Paul bevorzugen ein 10,5 Millimeter dünnes Seil.

Paul und Kuno gehören mit ihrer Vier-Mann-Firma "Holtz 3ker" zur Gelbe-Seiten-Branche "Industriekletterer", deren Exotenbonus noch viel Raum für individuelle Freiheiten lässt. Immobilienmanager erleben wahre Glücksmomente, wenn Industriekletterer ihnen eine Fassadenreparatur an einem Tag offerieren, ohne lästiges Gerüstbauen oder Kranmanövrieren. Dazu noch der motivierende Effekt für Mitarbeiter ("Toll, was unser Chef für Ideen hat!") und Kunden ("Wahnsinn, was die drauf haben!").

Im obersten Stockwerk des Büro- und Einkaufscenters Rollbergstraße 70 in Neukölln haben die beiden heute ihr Basislager aufgeschlagen. Auf dem Boden liegen Karabinerhaken, Seilklemmen und eine wasserdichte Outdoortasche. Darüber sind Kletterseile gespannt, um mehrere Büroecken kurvend, festgezurrt an Stahlhaken auf dem Dach. Alles Weitere hängt an Kuno und Paul: eine Spritzpistole mit Silikon, ein Spachtel, mehrere Rollen Stachelmatten, so genannte Taubenspikes. Sie werden auf die Rollladenkästen über den Fenstern geklebt, um die Vögel von der Fassade fernzuhalten.

Kuno hat den Helm aufgesetzt, atmet kurz durch, dann steigt er aus dem Fenster in die Fassade, eine gläserne Steilwand, fingert etwas hastig an seiner Ausrüstung herum, klinkt seine Beckenhalterung ins Arbeitsseil ein und lässt sich zurückfallen. Das Seil knurrt, schmiegt sich tief in die Büroecken. Dieser Moment ist der "Kick", sagt Kuno. Danach kommt nur noch Routine. Bei Paul ist vom Kick nichts mehr zu sehen. Er hängt rücklings über dem Abgrund, erzählt dabei entspannt von schönen Sommertagen an der Fassade, wie man so als Eiger-Nordwand-Bezwinger charmant mit Sachbearbeiterin Gabi plaudert und Mocca schlürft. Das hat schon was. Paul ist da nicht uneitel. Sowas ist ihm jedenfalls um Längen sympathischer als der große Event-Auftritt wie neulich zur Einweihung der Luftschiff-Halle in Brand. Anonymer Starkult liegt ihm nicht.

Paul ist vorbelastet, als langjähriger Bewohner der Oderberger Straße in Prenzlauer Berg - man sollte besser sagen: langjähriges Mitglied des Oderberger Straßenkollektivs. Deshalb erzählt Paul von sich auch nur das Nötigste. Dass er zum Beispiel eigentlich Sven Schmidt heißt und - vor fünf Jahren war das wohl - einen Typ traf, in einem Café in der Oderberger Straße, der gerade Kletterer suchte, um für Christo und Jeanne-Claude den Reichstag zu verhüllen. Klettern war nun nicht gerade sein Hobby, aber ab und an nahm er sich einen Gipfel im Thüringischen vor, und weil das Studium zum Sportlehrer ihm auch nicht wirklich zu Herzen ging, machte er eben mit und blieb dann hängen.

Industriekletterer können es etwas langsamer angehen lassen. Schon wegen der Sicherheit ist stressfreies Arbeiten total wichtig, sagt Paul. Angefangen haben sie heute Morgen um halb zehn. Jetzt ist es viertel nach drei und Schluss, weil es schon langsam dämmert. Großaufträge wie das Dachdecken im Sony-Center nimmt er gar nicht so gerne an. Das artet richtig in stereotype Arbeit aus. Da schaut Paul seinem kleinen Sohn lieber beim Wachsen zu oder knobelt an einer schwierigen Architektur herum, deren Väter zwar das Baurecht im Kopf hatten, aber niemals ans Bergsteigen dachten. Bisher habe er immer eine Lösung gefunden - das ist dann auch eine Art Gipfelerlebnis.

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