Berlin : Merkel und die sieben Kinder

Bernd Matthies

Es war einmal ein Zelt, kaum größer als ein Pfefferkuchenhaus. Das stand im bitterkalten Wind vor dem Reichstag, und viele, viele Politiker und andere Prominente schauten herein und fragten, ob sie nicht ein Märchen vorlesen dürften?

So, liebe Kinder, hätte die Geschichte vom Auftritt Angela Merkels beginnen können, wie er sich gestern am frühen Nachmittag abgespielt hat. Der „Hänsel-und-Gretel-Märchenwald“ allerdings lag nicht einsam unter dunklen Tannen, sondern war zum Aufmarschplatz für gut ein Dutzend Kamerateams geworden, die sich im Zelt und drum herum drängelten und den sieben zum Zuhören hingesetzten Kindern kaum Platz ließen. Pünktlich um 14 Uhr 40 erschien die CDU-Chefin, nicht unbedingt in märchenhafter Stimmung. Sie möge ihren Mantel anbehalten, raunte ein Mitarbeiter der Veranstalter, denn es sei sehr kalt vorn im Ohrensessel. „Ach“, entgegnete Angela Merkel, „mir ist drei Mal gesagt worden, es sei warm da vorn.“ Dann tankte sie noch ein wenig Wärme unter einem Gasstrahler, ließ sich von einem Referenten den Märchentext reichen, nahm Platz und trug die Geschichte vom Männchen, das haufenweise Stroh zu Gold spinnt und sich am Ende vor Wut selbst zerreißt, engagiert vor.

„Rumpelstilzchen“ ist ein sehr kurzes Märchen, kompatibel zum üblichen Politiker-Terminplan, und so war der skurrile Auftritt nach knapp zehn Minuten vorüber. Ein Reporter fragte noch rasch, ob die Geschichte denn etwas mit der aktuellen politischen Situation zu tun habe, erhielt aber keine Antwort.Vermutlich hat auch die Opposition kein Rezept, wie sich aus Defiziten Gold spinnen ließe.

Solche Auftritte, so seltsam sie sein mögen, haben meist einen Zweck, oft sogar einen guten. Wie diesen hier: Die „Stiftung Hänsel und Gretel“, die 1997 unter dem Eindruck der belgischen Dutroux-Affäre gegründet wurde, setzt sich für missbrauchte Kinder ein, unterstützt Schutzprojekte und hilft Lehrern, Polizisten, Juristen und Medizinern bei ihrem Kampf gegen den Missbrauch.

Der „Märchenwald“ am Reichstag soll auf diese Arbeit aufmerksam machen; gestern lasen unter anderen Peter Hahne, Horst Seehofer, Brigitte Zypries und Dieter Hundt, am heutigen Sonnabend folgen beispielsweise Cherno Jobatey und Otto Schily.

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