Berlin : Milde Gabe Ruhm

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VON TAG ZU TAG

Werner van Bebber über Harry Potter und sein herzensgutes Marketing

Genau wie Joanne K. Rowling soll eine KinderbuchAutorin sein: großherzig und ein bisschen naiv. Mit den Vorabdruck-Rechten ihres nächsten Bestsellers will sie den Armen Gutes tun. Obdachlosenzeitungen überall in Deutschland und Österreich sollen mit dem ersten Harry-Potter-Kapitel Geld verdienen dürfen. Eine österreichisches Blatt namens Augustin hat mit dem Hinweis abgelehnt, man lasse sich nicht zur PR-Plattform machen. Den Schnell-Merkern vom Augustin entgehen ein paar Euro – allerdings werden sie uns als die Puristen unter den Obdachlosen-Blattmachern im Gedächtnis bleiben. Denn wie immer, wenn es um Werbung geht, stellt sich die Frage, ob die Erfinder neuer Strategien nicht alt aussehen, sobald es alle so machen wie sie.

So erscheint dieser Tage ein Buch über den Apo-Vormann Fritz Teufel , der vom Bürgerschreck und Bewohner der Kommune 1 bis zum Fahrradkurier einen langen Lebensweg zurückgelegt hat. Würde man die Zeitschrift „Wohnungswirtschaft und Mietrecht“ kaufen, um das erste Kapitel zu lesen, oder das „Tour-Magazin“ wegen des Epilogs? Kaum.

Deshalb wird der Bundeskanzler den Vorabdruck seiner Memoiren, die unbestätigten Ahnungen zufolge unter dem Titel „Ich“ rechtzeitig zum Ende der Legislaturperiode herauskommen, weder dem „Neuen Deutschland“ anvertrauen noch der „Berliner Republik“. Zünftig und innovativ wäre ein Doppelschlag im „Gentleman’s Quarterly“ und im Gewerkschafterorgan „Metall“.

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