Berlin : Miriam Mittler

„Ich geh’ mir jetzt eine Schwalbe kaufen.“

Thomas Loy

„Ich geh’ mir jetzt eine Schwalbe kaufen.“ Bin kein hartnäckiger Wadenbeißer / bin kein Freischwimmer, ich bin Bademeister. / Ja, schau mir das Geschehen vom Beckenrand an / bis ich, sagen wir mal, zu checken anfang …

Das ist das Lied „Endlich Nichtschwimmer“ vom Hiphopper „Dendemann“. Andere Lieder von ihm: „Kommt Zeit dreht Rad“, „Saldo Mortale“. Verqueres Gedankengut, schön verreimt, aberwitzig. Zum Dendemann-Konzert nach Frankfurt wollten sie fahren. Miriam war Fan, also war Alex es auch. Miriam sagte, in welche Bar sie gingen, zu welchem Konzert. Alex ging mit, weil er Miriam liebte.

An einem sonnigen Nachmittag küssten sie sich im Garten auf dem Hinterhof ihres Hauses. Miriam las nebenher Kleinanzeigen und beendete das Liebesspiel: „Ich geh’ mir jetzt eine Schwalbe kaufen.“ Sie brauchte immer mal wieder eine Schwalbe, weil die DDR-Roller so gerne geklaut werden in Prenzlauer Berg. Eine entwendete angeblich ihr Ex-Freund, nachdem er mit ihrer besten Freundin durchgebrannt war. Wochenlang haben sie den Roller gesucht.

Zu ihrem 30. Geburtstag wollte Alex ihr eine neue Schwalbe schenken. Eine alte natürlich. So alt wie Miriam sollte sie sein, Baujahr 1977.

Fiel alles aus. Das mit der Schwalbe. Das Dendemann-Konzert. Das gemeinsame Kinderkriegen und Altwerden. Miriam brach neben ihm zusammen, im Schuhladen, wo sie ein paar Tage in der Woche arbeitete.

Alex zeigt das Ladentagebuch. Da steht drin, welcher Kunde noch nicht bezahlt hat, wer was geliehen hat und wie viel Pfand er bekommt, sollte er es je zurückbringen. Verkauft werden Second-Hand-Schuhe und -Kleider. Als Miriam anfing im Laden, toppte sie gleich den Tagesumsatzrekord. Sie konnte Leuten, die nur mal gucken wollten, die Kaufhemmung wegzaubern. Ihre Waffe war ihr Lachen. Das ist auf einem Foto zu sehen, das Alex zwischen die Kleider gehängt hat. Miriam im Auto in Spanien, mit Kopftuch und klobiger Brille für Weitsichtige, die sie am Strand gefunden hatte.

Sie liebte es, die Ordnung der Welt zu verrücken, gewichtigen Dingen ihren Ernst zu nehmen. Ein wenig scheute sie wohl auch vor der Last, einmal das zu werden, was sie sich insgeheim wünschte: Mutter von Kindern in einem Haus mit Garten. Alex war überrascht, als sie ihm den Wunsch gestand.

Weil sie der besten Freundin, mit der ihr Ex durchgebrannt war, aus Rache ein Morgenpost- Abo untergeschoben hatte, musste Miriam gemeinnützige Arbeit leisten, bei „Mob e.V.“, dem Zentrum für Obdachlose. Sie fing in der Küche an, wechselte aber bald in die Redaktion des hauseigenen Radiosenders und der Zeitschrift „Straßenfeger“. In einem Text über Novalis schrieb sie:

Die Helden meiner hoffentlich noch anhaltenden Jugend starben alle viel zu früh: Zuerst hing da Sid Vicious an der Wand. Den tauschte ich in der Hippiephase mit Jim Morisson aus, der seinen 30. Geburtstag auch nie gefeiert hat. Um etwas positiver zu werden, habe ich mir mit fünfzehn Jahren dann Kurt Cobain an die Wand gepinnt. Oder vielmehr Kurt Kokain … Dass er auch so früh sterben würde, konnte ich zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht wissen.

Dass Leben und Sterben zusammengehören, wusste Miriam wahrscheinlich besser als ihre Plakathelden. Mit 26 bekam sie ihren ersten Herzinfarkt. Es dauerte lange, bis sie ins Krankenhaus gebracht wurde. Die Ärzte rätselten, untersuchten, fanden Reste eines Blutgerinsels und rätselten weiter. Miriam fing an mit Yoga, ernährte sich gesund und beschloss, sich nicht mehr aufzuregen, aber das gelang ihr nicht so gut.

Sie konnte sich maßlos über die BVG-Kontrolleure ärgern. Die meckerten rum, weil auf ihrem Arbeitslosenticket ein Foto fehlte. Sie schimpfte auf die Leute vom bankrotten Goya-Club, die ihr Kellnerhonorar schuldeten. Sie konnte ausrasten, sagt Alex. Auch er bekam das zu spüren. Ihre Gefühle platzten hinaus, die positiven wie die negativen.

Sie hat mal studiert, sagt Alex. Was, weiß er nicht. Er hat nie danach gefragt. Aufgewachsen sei sie in Rodgau bei Frankfurt, als Nesthäkchen mit zwei älteren Schwestern. Ihr Vater wollte ihr helfen, sich zu etablieren, mit festem Job und einer Eigentumswohnung. Aber Miriam konnte sich zu nichts entschließen. Sie blieb in ihrer Hinterhofbehausung. Eine gut bezahlte Arbeit in einer Computerfirma ließ sie sausen.

Fünf Tage lang lag sie im Koma, dann wurde Miriam 30 Jahre alt. An ihrem Geburtstag ließen die Ärzte sie in Ruhe. Keine Untersuchungen. Zwei Tage später haben sie die Maschinen abgeschaltet.

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