Berlin : Miss Wirtschaft und die Paris Bar

Wolfram Siebeck

Ich lese Zeitung. Frau Hoffmann schläft. „Ist es die Möglichkeit!“, rufe ich. „Was ist passiert?“, fragt Frau Hoffmann, die, auch wenn sie schläft, stets ein offenes Ohr für ihre Mitmenschen hat.

„Die Paris Bar ist pleite.“

„Wer war die Paris Bar?“

Ist es nicht fabelhaft, wie diese Katze sich blitzschnell auf eine neue Situation einstellen kann? Ich berichte ihr von einer Pleite, und sie fragt zurück in der Vergangenheitsform. So ähnlich würde sie wahrscheinlich reagieren, wenn ich ihr von Schröder und seinem alten Kabinett erzählte. Wer war Schröder?

Sic transit gloria mundi, würde sie anmerken, wenn sie denn den Büchmann mit seinem Zitatenschatz gelesen hätte.

„Die Paris Bar ist, beziehungsweise war, ein Symbol für West-Berlin. Über vierzig Jahre haben dort Künstler, Journalisten und schräge Typen Tag für Tag gesessen und gewusst, dass sie im Mittelpunkt von Berlin saßen. Damals bestand Berlin nur aus der Westhälfte. Die Mitte, in der du damals mit uns gewohnt hast, war in Wirklichkeit der Osten, wo niemand gerne saß, der wichtig war oder sich wichtig vorkam.“

„Aber heute sitzen doch die Wichtigen alle im Osten.“

„Irrtum. Dort kommen sie her. Heute sitzen sie in Mitte.“

„Warum bist du nicht wichtig? Wo wir doch schon mal in Mitte gewohnt haben ...“

„Man nennt das Schicksal. Zur falschen Zeit am falschen Ort.“ Katzen glauben nicht an Dinge wie Schicksal. Sie sind materialistisch bis zum letzten Brekkie. Deshalb fragt sie: „Und warum ist sie pleite, die Paris Bar?“

„Ein Rätsel. Sie war immer gut besucht, jahrzehntelang. Wenn davon kein Kapital übrig bleibt, dann nennt man das Misswirtschaft.“

„Ich erinnere mich. Einmal seid ihr von der Paris Bar nach Hause gekommen, und du hast geschimpft: Mistwirtschaft.“

„Wahrscheinlich habe ich Misswirtschaft gesagt“

„Wo ist der Unterschied?“

„Du hast recht. Um dem Wort eine andere Bedeutung zu geben, muss man schon Miss Wirtschaft sagen.“

„Ist das Angela Merkels neuer Titel?“

„Nein, nein. Die wäre bestenfalls Miss Uckermark.“

„War sie je in der Paris Bar?“

„Nicht dass ich wüsste.“

„Schade. Man könnte eine Plakette am Haus anbringen.“

Mir fällt eine Parallele ein: „In Wien gibt es eine Bar, die heißt Gutruf. Eine Stammkneipe für viele Künstler, Journalisten und schräge Vögel. Als die pleite ging, haben fünf Stammgäste den Laden gekauft.“

Frau Hoffmann, die sich inzwischen putzwütig auf ihren buschigen Schwanz gestürzt hat, blickt auf: „Was willst du damit sagen? Sollen die Gäste der Paris Bar ihre Ersparnisse zusammenlegen und den Laden kaufen?“

„Warum nicht? Koalition ist Koalition. Wenn die Bundeskanzlerin Mitbesitzer einer Kneipe wäre, ginge vielleicht endlich ein Ruck durch Deutschland ...“

„Du meinst, sie sitzt den ganzen Tag an der Kasse?“

„Unwahrscheinlich. Vom Kanzleramt zur Kantstraße ist es zu weit.“

„Was hat die Kantstraße damit zu tun? Kant schrieb doch die Songtexte für diesen Bach, so viel ich weiß.“

Gut, dass sie nicht Grönemeyer gesagt hat. Dann würde auffallen, dass sie von Musik nicht viel versteht. (Obwohl sie sich für eine vorzügliche Sängerin hält. Wir haben sie einmal bei einem ihrer sommernächtlichen Konzerte belauscht. Es war schrecklich und deprimierend.) Sie bleibt beim Thema Musik.

„Hatten sie in der Paris Bar auch einen Barpianisten?“

„Als Gast bestimmt. Aber spielen hören habe ich dort niemand.“

— Der Autor ist Deutschlands bekanntester Gourmetkritiker und kennt sich auch bei Katzen aus. Ganz besonders bei Frau Hoffmann, seiner schlauen Mitbewohnerin. Sie hat zu allem etwas zu sagen.

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