Missständnisse in Jugendhaftanstalt : Brutales Problem

Fast jeder dritte Häftling ist heute ein Intensivtäter. Die Jugendstrafanstalt Plötzensee ist darauf nicht eingerichtet. Allein schon die Bauweise ist mangelhaft - und es fehlt an Personal.

Jörn Hasselmann
Strafvollzugsanstalten Berlin
Weggesperrt. Bis zu 23 Stunden verbringen die Häftlinge täglich in ihrer Zelle. -Foto: Wolff

BerlinDas Problem lässt sich an wenigen Zahlen festmachen. 566 junge Männer sitzen derzeit in der Jugendstrafanstalt Plötzensee, Platz gibt es offiziell für 502. Und genau 161 Gefangene sind sogenannte Intensivtäter, Täter also, die sich durch besonders viele und besonders brutale Taten ausgezeichnet haben. Die Erfolge der Staatsanwaltschaft, die seit vier Jahren junge Serientäter scharf verfolgt, füllen die Gefängnisse mit einer Klientel, auf die die Anstalten nicht vorbereitet sind. Das zeigt sich schon an der Bauweise. In den 70er Jahren, als das neue Jugendgefängnis geplant wurde, wollte man straffällig gewordene junge Menschen formen, bessern. Ihre Zellenfenster liegen nur wenige Meter von der Mauer entfernt. Damals konnte sich keiner vorstellen, dass das ausgenutzt werden könnte, um Drogen und Telefone hineinzuschmuggeln. Damals saßen die meisten wegen Diebstahl, heute wegen Gewalttaten.

Am Sonntag vor einer Woche, nachdem der Drogen- und Telefonschmuggel bekannt geworden war, hatte die Justizsenatorin per Mail angekündigt, dass die Zellen häufiger kontrolliert werden sollen, „um unerlaubte Gegenstände noch schneller auffinden zu können“. Etwa eine Stunde später klingelte in der Redaktion das Telefon: Am Apparat einer der 20 Gefangenen der JSA, die wegen Fluchtgefahr besonders gesichert untergebracht sind. Ja, natürlich rufe er vom Handy aus an. „Jeder, der eines will, hat auch eines“, sagte der Häftling. Werde eines beschlagnahmt, komme ein neues.

Gefangene werden unter Druck gesetzt

Telefone, das sagt auch die Anstaltsleitung, sind das Hauptproblem. Mit ihnen können die Gefangenen ihre Gangs steuern und andere unter Druck setzen. Unter Druck werden auch Mitgefangene gesetzt, vor allem die, die eine Zelle an der Mauer haben. Sie werden gezwungen, Päckchen von draußen zu angeln. Justizbeamte berichten auch, dass die „Freigänger“, also Häftlinge, die tagsüber zur Arbeit rausdürfen, abends auf dem Friedrich-Olbricht-Damm „abgefangen“ und zum Schmuggel gezwungen werden.

Etwa seit Herbst 2006, berichtet ein Ermittler, seien die Anzeigen wegen der Gewalt hinter Gittern in die Höhe geschnellt. Während in der Haftanstalt Tegel Russen mit roher Gewalt Geld und Tabak aus den Zellen rauben, seien es in der JSA vor allem Araber und Türken. Kürzlich stand Sträfling Bayram E. vor Gericht: Er hatte einen „körperlich unterlegenen Mitinsassen in 18 Fällen planmäßig schikaniert, gedemütigt und körperlich misshandelt“, wie das Gericht mitteilte. Opfer war ein Deutscher. Urteil: weitere 18 Monate Haft. „Tätlichkeiten gegen Bedienstete“ gab es 2006 in der JSA acht – so viele wie in Tegel und Moabit zusammen.

Personal hat keine Zeit Drogen oder Telefone aufzuspüren

Viele der Intensivtäter gehören Clans an, die seit Jahrzehnten die Polizei beschäftigen. Auch den Fluchtversuch im Mai, als eine dreiteilige Aluleiter über die Mauer in den Gefängnishof geworfen wurde, soll eine arabische Familie organisiert haben. Offiziell weiß die Justiz nicht, wer hinter dem Fluchtversuch steckt. In der Sportgruppe, die zur Zeit des Leiterwurfs ein Lauftraining absolvierte, war Omar El-Z. Dieser fiel danach in der Anstalt damit auf, dass er Gerüchte über den angeblichen Organisator der Flucht streute – doch dieser junge Mann steht kurz vor seiner Entlassung. Unwahrscheinlich, dass er noch eine Flucht organisiert, sagen Insider. Die Familie El-Z. hätte dagegen die Logistik, dies zu organisieren, sagt ein Beamter. Zu beweisen ist das nicht.

Mit der härteren Klientel hätte man fertig werden können, wenn es ausreichend Personal gebe. Doch parallel zu der Veränderung in den Zellen verringerte sich das Personal. „Früher haben wir mit denen gebastelt und Schule gemacht, das geht heute nicht mehr“, sagt ein Beamter. „Heute sitzen viele 23 Stunden in der Zelle, weil kein Personal da ist.“ Pro Haus mit 55 Insassen seien drei bis vier Schließer eingeteilt. Einer oder zwei Beamte seien immer abgezogen für Arztausführungen. „Da bleibt keine Zeit mehr“, sagen die Bediensteten. 45 bis 60 Minuten benötigen zwei Beamte für eine Zellenkontrolle. Faktisch habe ein Beamter fünf Minuten. Da finde man keine Telefone, und Drogen schon gar nicht.

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