Berlin : Mit 16 zur Uni

Bilge Buz hat drei Klassen übersprungen und Abitur in zehn Jahren geschafft – mit einem Notenschnitt von 1,2. Jetzt will sie Jura studieren

Suzan Gülfirat

Vorbilder, an denen sich junge Menschen orientieren können, sind wichtig, weiß Bilge Buz. „Mein persönliches Vorbild ist Atatürk“, sagt sie selbstbewusst. Umrahmt von zwei türkischen Fähnchen, hängt über dem Schreibtisch in ihrem Zimmer in Mariendorf sogar ein Bild des türkischen Staatsgründers, der den Schleier verboten und den Frauen das Wahlrecht geschenkt hat. „Er ist der beste Beweis, dass man im Leben alles erreichen kann, wenn man nur will“, sagt das türkische Mädchen, das selbst schon einiges erreichen konnte: Mit nur 16 Jahren hat Bilge Buz das Abitur in der Tasche – mit einem Notenschnitt von 1,2.

Schon als Vierjährige schrieb die 1987 Geborene ihrem Vater, der in Libyen arbeitete, Briefe aus der türkischen Heimat. „Mit sinnvollen Wörter und in ganzen Sätzen“, erinnert sich der studierte Bauingenieur heute. Beigebracht hatte ihr das die Mutter, eine gelernte Mechanikerin.

Einem Kinderarzt fiel das Mädchen so sehr auf, dass er ihre Intelligenz auf die Probe stellte. Sie habe einen Quotienten von 168, sagte er danach der Mutter. Kaum war Bilge in der Stadt Bursa am Bosporus eingeschult, versetzten sie die Lehrer deshalb in die zweite Klasse. Als der Vater die Familie Anfang 1996 nach Berlin holte, wo er die Niederlassung seiner Baufirma bis heute leitet, ging die noch achtjährige Tochter in die vierte Klasse.

In der Türkei hatten die Lehrer das Mädchen gefördert, in Deutschland stieß der Vater diesbezüglich jedoch auf taube Ohren. „Sie ist zu klein für die vierte Klasse“, hieß hier. Zudem sprach die neue Schülerin kein Wort Deutsch. Nach dem Willen des Leiters der Ludwig-Heck-Grundschule in Mariendorf sollte sie in die zweiten Klasse kommen, aber der Vater handelte die dritte Klasse aus. „Ich bekam Matheaufgaben auf, die ich schon gelöst hatte“, erinnert sich die Abiturientin. Mit dem Papa übte sie damals Vokabeln und mit Erich Kästners Werken das Lesen. Auf ihrem ersten Versetzungszeugnis standen bereits fast nur Zweien und eine Eins in Rechtschreibung. Bereits in der vierten Klasse bekam sie die Empfehlung fürs Gymnasium, wo sie später die neunte und die elfte Klasse übersprang.

Glück hatte Bilge wohl vor allem, weil die Eltern die Begabung ihrer Tochter früh erkannten. Sie schickten sie zum Beispiel allein auf eine Sprachreise nach England und Spanien, hatten aber auch nichts dagegen, wenn sie mit Jungen ausging. „Was nützt all das Gold unterm Ararat, wenn man es nicht ausgräbt“, sagt Vater Faik Buz angesichts der Bildungsmisere vieler türkischen Kinder in Berlin. Er stammt selbst aus einfachen Verhältnissen. Vielleicht macht er es deshalb anders als viele türkische Eltern. Auch sein elfjähriger Sohn hat auf dem Gymnasium sehr gute Noten.

Tochter Bilge wünscht sich nun, dass sie an der „Gerd Bucerius Law School“ in Hamburg aufgenommen wird. Ihre Eltern hoffen auf ein Stipendium für sie, weil sie sich diese private Uni sonst nicht leisten können.

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