Berlin : Mit dem Laster voller Spenden an den Polarkreis

Hilfe für Murmansk: Berliner Studenten organisieren seit fünf Jahren regelmäßige Hilfslieferungen für die russische Eismeerregion.

Mikis Graf

Angefangen hat alles mit dem Wunsch, sich neben dem Studium sozial zu engagieren und Menschen in Not zu helfen. Das war vor fünf Jahren – seitdem schickt das Projekt „Murmansk“ jeden Frühling mehrere Lastwagen mit Hilfsgütern in die Krankenhäuser der nördlich des Polarkreises gelegenen russischen Region Murmansk. An Bord der LKWs: Betten, Matratzen und medizinisch-technische Grundausstattung. Zudem gibt es Geldspenden, um vor Ort medizinische Geräte kaufen zu können. Das Besondere an diesem Hilfskonvoi: Die Akquise der Spenden, die Organisation und der Transport selbst werden allein von Berliner Studenten auf die Beine gestellt. 2007 wurden so 44 Tonnen Sachspenden und 20 000 Euro Spendengelder von Privatleuten und Unternehmen aus ganz Deutschland gesammelt.

Jeden Montagabend treffen sich um die zwanzig Studenten des Teams „Murmansk 2008“ in einer Wohnung im Prenzlauer Berg. Bei Kerzenlicht, Tee und Knabbersachen bereiten sie den diesjährigen Konvoi vor. Mitte Mai soll er auf die 3000 Kilometer lange Reise geschickt werden. Erfolge beim Spendensammeln werden zusammengetragen, Zollformalitäten geklärt und die geplante Charity Party besprochen. „Viele Probleme tauchen jedes Jahr wieder auf, auch wenn die Organisation schon sehr professionell geworden ist“, sagt Nico Raabe, der sein Studium bereits abgeschlossen hat, seine Erfahrung aber trotzdem noch einbringt. Kontinuität ist ein Hauptanliegen der Studenten. Wichtig ist ihnen, die Hilfsgüter selbst in die Region zu begleiten und mit jährlichen Kontrollbesuchen sicherzustellen, dass die Hilfe auch wirklich bei den Menschen ankommt. Diese Präsenz hat geholfen, anfängliches Misstrauen, insbesondere von offiziellen Stellen in Russland, auszuräumen. „Heute besteht auf beiden Seiten ein großes Maß an Vertrauen“, sagt Raabe. Auch die Erfahrungen der Studenten in Deutschland sind positiv. „Wir treffen überall auf offene Arme und viel Unterstützung“, berichtet Hubertus Mai. Der 24-Jährige ist der diesjährige Projektleiter und studiert Wirtschaftsingenieurwesen an der TU.

Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker unterstützt das Projekt ebenso wie Berlins Kulturstaatssekretär André Schmitz. Auch der russische Botschafter hilft beim Umgang mit der russischen Bürokratie. Und bei einem Benefizkonzert des Sängers Max Raabe in der Mercedes-Welt am Salzufer kamen vor kurzem fast 15 000 Euro zusammen. Auch beim Transport hilft die Berliner Mercedes-Benz-Niederlassung.

Dass die Hilfslieferungen gerade nach Murmansk rollen, ist persönlichen Kontakten und auch ein bisschen dem Zufall geschuldet. Gebraucht wird die Unterstützung dort ohne Zweifel. Fast jeder fünfte Bewohner der Polarregion lebt unter dem Existenzminimum, viele medizinische und soziale Einrichtungen sind auf die Hilfslieferungen angewiesen.

Die Fahrt mit dem Konvoi und der direkte Kontakt zu den Menschen in Murmansk ist für Hubertus Mai Ansporn, die Mühe jedes Jahr und zusätzlich zum Studium auf sich zu nehmen. „Alle Helfer investieren in der Vorbereitungszeit ein bis zwei Stunden pro Tag, in der heißen Phase ist es ein Vollzeitjob.“

Der Transport wird dann gelegentlich zum Abenteuer: „Mit fünf bis sieben LKWs fahren wir über Skandinavien nach Russland – wo sie auf den häufig unbefestigten Straßen nicht selten stecken bleiben“, berichten die Studenten. Anfangs fuhren sie die Lastwagen noch selbst, heute übernimmt das eine Spedition. Am Steuer der begleitenden Kleintransporter sitzen die Helfer aber immer noch selbst. Die Verteilung der Spenden erfolgt mit Hilfe der Vizegouverneurin und dem Gesundheitsamt von Murmansk, kleine Teams fahren dazu die Empfängereinrichtungen in der ganzen Provinz an.

Nico Raabe sieht auch positive Effekte für seine spätere Karriere: „Neben den Erfahrungen mit Teamleitung und Koordination gewinnt man durch die besonderen Herausforderungen vor allem Souveränität, die auch im beruflichen Alltag nicht unbedingt schadet." Innerhalb von fünf Jahren haben um die hundert Studenten diese Erfahrungen gesammelt, Sachspenden im Wert von rund einer Millionen Euro haben die Menschen in Murmansk erreicht. Für Hubertus Mai ist vor allem eines entscheidend, „dass man mit vergleichsweise wenig Aufwand eine Menge erreichen kann“.

Murmansk-Charity-Party am 18. April ab 22 Uhr im Ballhaus Ost. Weitere Infos: www.murmansk-hilfe.org

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