Berlin : Mit den Peinigern weiter in derselben Klasse

„Happy Slapping“ an Zehlendorfer Schule: Opfer haben Unterricht zusammen mit den Tätern

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Die Senatsverwaltung für Bildung wusste von nichts, und noch nicht einmal die Schulpsychologen vor Ort waren eingeschaltet: An der Zehlendorfer Leistikow-Hauptschule hat sich ein aktueller Fall von „Happy Slapping“ ereignet. In dessen Verlauf wurde zunächst ein Schüler gefesselt, geknebelt, geschlagen und dabei mit dem Handy gefilmt. Als die Täter bemerkten, dass das Gerät nicht aufgezeichnet hatte, hätten sie das Gleiche mit einem zweiten Schüler getan, berichtete dessen Mutter jetzt gegenüber der „Berliner Zeitung“. Fassungslos sei sie darüber, dass die Täter weiterhin die gleiche Klasse wie ihr Sohn besuchen dürften.

Schulleiter Heinz Winkler bestätigte gestern, dass die Schüler nicht in eine andere Klasse umgesetzt worden seien. Zur Erklärung sagte er, die Jugendlichen seien ohnehin an drei Tagen pro Woche in Betrieben und nur an zwei Tagen in der Schule. Im Gespräch hätten sich Opfer und Täter „geeinigt“, die Täter hätten Reue gezeigt. Die Opfer seien mit diesem Verfahren einverstanden gewesen. Mit der einen Mutter, die mit der gefundenen Lösung offenbar nicht einverstanden sei, werde die Schule „noch mal Gespräche führen“. Im Übrigen betonte Winkler, er habe den Vorfall bei der Polizei zur Anzeige gebracht, als er zwei Tage nach der Tat, also am 1. Februar, davon Kenntnis erhalten hatte. Nur die Schulbehörde habe er nicht informiert. Die Klassenkonferenz sei aber aktiv geworden und habe den Tätern den Verweis von der Schule angedroht, falls sie weitere „Regelverstöße“ begehen. Die beiden Opfer bezeichnete Winkler als „harmlose Jungs“.

Landeselternsprecher André Schindler sagte gestern: „Ich kann die Schule nicht verstehen.“ Man könne den Verbleib der Täter in der Klasse doch nicht damit rechtfertigen, dass sie sich mit den Opfer „geeinigt“ hätten. Niemand könne ausschließen, dass die Opfer sich bei den entsprechenden Gesprächen unter Druck gesetzt gefühlt hätten. Schindler appelliert dafür, dass Schulen in die Lage versetzt werden, Schüler nach schweren Delikten wie Körperverletzung, Diebstahl oder Waffenbesitz ohne vorherige Androhung von der Schule zu verweisen. Ein Berliner Gymnasium versuche gerade, ein derartiges Vorgehen in seiner Schulordnung festzuschreiben. „Wir müssen Grenzen setzen“, sagte Schindler. Noch in diesem Jahr will der Landeselternausschuss zum Thema „Gewalt an Schulen“ eine Tagung veranstalten.

Präzise Zahlen über Fälle von „Happy Slapping“ gibt es nicht. Die Polizei führt dazu bisher keine spezielle Statistik, sondern vermerkt die Fälle in der Regel als „schwere Körperverletzung“. sve

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