Berlin : Mit der Anprobe gar nicht erst aufgehalten - Gedränge am Grabbeltisch

Silke Edler

Das blaue Wollsakko gefällt dem Mann. Ein schönes Blau - nicht ganz hell und auch nicht ganz dunkel. Die Jacke könnte seinem Freund gut stehen. "Hier, probier mal an", der Mann hält seinem Begleiter das Jacket direkt vor die Nase. Der guckt kurz, überlegt nicht lange und zwängt sich mühsam in das gute Stück. "Hm, zu eng und die Ärmel sind zu kurz." Er streckt die Arme nach vorne. An den Schultern spannt es gewaltig und die Ärmel rutschen gut zehn Zentimeter über die Handgelenke hoch. Aber die Farbe, die sei wirklich schön und für 50 Mark könne man nicht meckern. "Aber das bringt ja nix", sagt er und windet sich aus dem Jackett heraus.

Bei Strauß Innovation an der Schöneberger Hauptstraße war der Andrang gestern schon früh um acht Uhr groß. Vor allem die Teile für zehn Mark fanden reißenden Absatzt, darunter Daunenkissen und -decken sowie Anzüge, die schon kurz nach Öffnung des Geschäfts nicht mehr zu haben waren. Mit Anproben hielten sich unterdessen nur die Wenigsten auf. Schnelle Entscheidungen waren gefragt: ein Blick auf die Größenangabe im Kragen, ein Taxieren vor dem Spiegel - müsste passen. Ob bei Herrenhosen oder Büstenhaltern, was hat man bei zehn Mark schon zu verlieren? Zur Not wird umgenäht oder ausgestopft.

Etwas mehr Zeit konnten sich am Morgen die Kunden zunächst in den großen Warenhäusern an der Tauentzienstraße nehmen. "Als ich um kurz vor neun am KaDeWe ankam, war dort noch nichts los", erzählt eine junge Frau. In der Wintersportabteilung sei sie dann lange Zeit die einzige gewesen. "Ich konnte ungestört alles anprobieren, über eine Stunde war ich dort", sagt die Kundin. Turbulenter ging es dagegen den ganzen Tag in den anderen Abteilungen zu. Schon morgens wühlten vor allem im Erdgeschoss des Kaufhauses Schnäppchenjäger in Herrensocken, Damenblusen und Oberhemden auf den Grabbeltischen.

Bei Wertheim war die Stoffabteilung ein Dorado für Hobbyschneiderinnen. Vor allem Türkinnen standen hier gleich mit mehreren Ballen Stoff unter den Armen an den Schneidetischen. Dazwischen inspizierten einige Männer die Anzugstoffe. In den Bekleidungsabteilungen war in den ersten Öffnungsstunden von einem Ansturm auf die Winter Sonderangebote zunächst ebenso wenig zu spüren, wie bei der schwedischen Modekette Hennes & Mauritz. Hier drängten sich zwar kichernde Mädchen zu zweit in eine Umkleidekabine - voll und eng wurde es aber auch hier erst am Nachmittag.

Obwohl gestern morgen nicht überall Menschentrauben vor den Geschäften auf den Beginn des Winterschlussverkaufs warteten, war Gernot Bazin vom Berliner Einzelhandelsverband zufrieden. "Dieses Mal haben einige Geschäfte schon früher geöffnet, vielleicht hat das den Ansturm etwas entzerrt", vermutet Bazin. Zudem seien Ferien, weshalb in der Stadt ohnehin weniger los sei. Bazin geht davon aus, dass die "topmodische" Winterware in den kommenden zwei Wochen bis auf die letzte Bluse verkauft wird. "Die Lager müssen freigemacht werden für die Frühjahrsmode", sagte er.

Weniger optimistisch blickt dagegen der Hauptgeschäftsführer des Einzelhandelsverbandes Brandenburg, Harald Lemke, auf den Schlussverkauf. Immer mehr Brandenburger ziehe es zum Einkaufen nach Berlin, so sei der Schlussverkauf gestern nur verhalten angelaufen. "Gerade in den Ferien verbinden viele Kunden eine Einkaufsbummel mit den Kulturangebot Berlins", sagte er.

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