Mit Emilia Smechowski durch Kreuzberg : Die unsichtbaren Polen in Berlin

Die Autorin Emilia Smechowski erzählt in "Wir Strebermigranten" vom Ankommen und Aufsteigen ihrer Familie in Berlin. Ein Spaziergang durch ihren Kreuzberger Kiez.

Emilia Smechowski, 34, Journalistin und Autorin des Buchs "Wir Strebermigranten", auf dem Mehringplatz.
Emilia Smechowski, 34, Journalistin und Autorin des Buchs "Wir Strebermigranten", auf dem Mehringplatz.Foto: Agnieszka Budek

Auf der Stresemannstraße ist Kreuzberg (noch) nicht hip. Die Altbauten sind schlicht, fast schmucklos. Siebziger-Jahre-Klötze haben Supermarktfilialen im Erdgeschoss, in der Pizzeria gibt es Cocktails mit Schirmchen. „Das ist der hässliche Teil von Kreuzberg“ sagt Emilia Smechowski und freut sich darüber.

Hier, zwischen Halleschem Tor und Potsdamer Platz, zwischen Gleisdreieckpark und Mehringplatz hat die Berliner Autorin ein Zuhause gefunden, doch das Konzept von Heimat ist ihr fremd. Ihre Geburtsstadt Wejherowo in Polen hat sie mit fünf Jahren verlassen, heute ist sie 34. Es war der 17. Juni 1988 und für die Smechowskis war die Flucht nach Westberlin der Beginn eines neuen Lebens.

Das begann in einer Halle in Neukölln, die eigentlich für Obdachlose gedacht war. Als plötzlich viele Aussiedler kamen, wurde sie Ende der 80er Jahre umfunktioniert. Emilias Eltern wollten da raus und das schafften sie auch. Die Geschichte des Aufstiegs ihrer Familie, der für sie mit einem hohen Assimilationsdruck zusammenhing, erzählt Smechowski in ihrem Buch „Wir Strebermigranten“.

Und sie stellt auch eine These auf, die über ihre eigene Familiengeschichte hinausgeht: Die vielen polnischen Einwanderer in Deutschland bleiben fast unsichtbar, weil sie sich so unauffällig verhalten, sich anscheinend problemlos in die deutsche Gesellschaft integrieren.

Ihre Mutter brachte sie zum Schweigen, wenn sie in der U-Bahn Polnisch sprach

Wenn sie heute auf Polnisch über den ganz neu gemachten Spielplatz im Theodor-Wolff-Park nach ihrer dreijährigen Tochter ruft, dann ist das das Ergebnis eines langen Identitätsfindungsprozesses, der sie zurück zu ihrer Muttersprache geführt hat, die sie heute schlechter spricht als Deutsch.

Ihre Mutter kann sich nicht durchringen, mit ihrer Enkelin in der Öffentlichkeit Polnisch zu sprechen. Zu groß die Angst vor den Blicken der Deutschen, davor, das Mädchen könnte von anderen Kindern ausgegrenzt werden. Emilia fühlt sich dann an ihre eigene Kindheit in Berlin erinnert, als die Mutter sie und ihre Schwester zum Schweigen brachte, wenn sie in der U-Bahn Polnisch sprachen – „Pssst!“.

Emilia Smechowski läuft in Richtung Mehringplatz, es ist ein grauer Morgen im beginnenden Herbst, und sie erzählt von ihrem Kiez, den sie auch mag, weil er noch sehr durchmischt sei: „Migranten, Arbeiterfamilien, alte Leute, Künstler.“ Vor drei Jahren zog sie mit ihrem Freund und ihrem Baby aus Kreuzkölln hierher. Dort war die Verdrängung offensichtlicher, erzählt sie. Man habe kaum noch alte Menschen gesehen. „Die hatten ihren Slot gegen 11 Uhr vormittags, wenn sie zum Edeka huschten.“

In vielerlei Hinsicht lebe sie einen Gegenentwurf zum Leben ihrer Eltern, die als Ärzte Karriere machten, im wohlhabenden Berliner Süden ein Haus bauten und erst einen Mazda, dann einen BMW, dann einen Chrysler, und später eine Limousine von Audi fuhren. Emilia fährt Fahrrad. Sie lebt in einer Patchwok-Familie, ihr Freund hat schon zwei Kinder aus einer früheren Beziehung. Dass sie über ihre Familie geschrieben hat, nehmen ihr manche Polen übel. Das gehöre sich nicht.

Emilia Smechowski hat in vielen Berliner Kiezen gelebt, ihre erste eigene Wohnung war eine WG auf der roten Insel in Schöneberg, 300 Mark zahlte sie im Jahr 2000 dafür. Da war sie 16. Es folgten Wohnungen in Schöneberg, Wedding und Neukölln. Dass sie so oft umgezogen ist, erklärt Smechowski sich auch damit, dass sie so ein rastloser Mensch ist. „Ich gehöre zu den Menschen, die immer suchen“, sagt sie.

Das Selbstbewusstsein der jungen Polen in Berlin

Auf dem Weg zum Gleisdreieckpark erzählt Emilia, dass auffällig sei, wie wenige Berliner schon mal in Polen waren. Und dass sie es manchmal ungerecht finde, wie in Deutschland über Polen gesprochen wird. Wenn Marine Le Pen zur französischen Präsidentin gewählt worden wäre, da ist sie sich sicher, hätte niemand gesagt: „Ach, die Franzosen sind halt dumm und rechts, sie wissen es nicht besser.“ Doch wenn es um Polen und die nationalkonservative PiS-Regierung gehe, sei genau das der Diskurs.

Man dürfe nicht vergessen, dass die Freiheit in Polen nicht mal 30 Jahre alt sei. Es zieht sie dorthin zurück. Im Frühjahr wird sie mit ihrer Tochter für ein Jahr nach Danzig gehen und ein zweites Buch schreiben. Polnischen Alltag leben, die Sprache verbessern.

Im Gleisdreieckpark sind heute ausnahmsweise keine Skater. Ihre Tochter will immer zu den Trampolinen, sie selbst geht hier manchmal joggen, unter der Hochbahn durch, die dem weitläufigen grünen Areal eine Urbanität verleiht. Sie spricht über polnische Hipster, die das moderne Polen nach Berlin bringen. Plötzlich sei polnisches Streetfood in Mode, alte Sowjetsessel werden für hunderte Euro verkauft.

Emilia sagt: „Es müssen keine Pierogi mit Pinienkernen sein“, aber das Selbstbewusstsein der neuen polnischen Generation, die als Künstler, Designer, Studenten in die Stadt kommt, das beeindrucke sie.

In unserer Reihe "Eine Runde Berlin - Streifzüge durch die Kieze" bereits erschienen: Mit Autorin Jana Hensel in Prenzlauer Berg und am Fernsehturm. Mit Sängerin Inga Humpe am Spree-Ufer in Mitte. Mit Weltenbummlerin Heidi Hetzer im Opern-Viertel. Mit DJ Alfred Heinrichs durch Lichtenberg. Mit Lüül durch Eichkamp in Westend. Mit dem Hauptmann-Darsteller Jürgen Hilbrecht durch Köpenick. Mit Sängerin Elif durch Moabit.

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