Berlin : Mit Hammer und Zirkel, ohne Butter und Zucker

Der Aufstand am 17. Juni 1953 hatte eine dramatische Vorgeschichte: Vor 50 Jahren wurden in der DDR die Lebensmittel knapp

Robert Ide,Mirco Stodollick

Es war ein Aufstand, der die ostdeutsche Partei- und Staatsführung völlig überraschte. Mehr als eine Million Menschen gingen am 17. Juni 1953 gegen den Sozialismus in der DDR auf die Straße, in mehr als 700 Orten wurde für Freiheit und Demokratie protestiert. Wie kam es zu dieser massiven Revolte, die erst durch sowjetische Panzer niedergeschlagen werden konnte? Wie lebten die Menschen damals, und warum waren sie so wütend? Der Tagesspiegel erklärt die Ursachen und Hintergründe des Volksaufstands. Wir zeichnen die Vorgeschichte dieses Ereignisses nach und berichten von heute an in einem täglichen Kalenderblatt, was vor 50 Jahren geschah.

Von Robert Ide

und Mirco Stodollick

„Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen“ und „Herrlich liegt die Zukunft vor uns“ – Losungen voller Tatendrang und Optimismus schreibt die DDR-Führung Anfang der Fünfzigerjahre auf ihre Fahnen und Plakate. Im Juli 1952 beschließt die SED auf ihrer II. Parteikonferenz in der Berliner Werner-Seelenbinder-Halle, den „Aufbau des Sozialismus“ voranzutreiben. Ziel ist es, die Landwirtschaft nach sowjetischem Vorbild zu kollektivieren und das private Gewerbe zu verstaatlichen. Mit erheblichem finanziellen Aufwand soll eine Schwerindustrie aufgebaut und eine Armee geschaffen werden. Nur eines vernachlässigt die Staats- und Parteiführung bei ihren ehrgeizigen Plänen: das Volk.

Die DDR wird zu jener Zeit von vielen ihrer Bewohner als der Teil Deutschlands empfunden, dem nach Kriegsende das kommunistische System Josef W. Stalins übergestülpt werden soll. Der Staat drangsaliert seine Bürger mit immer neuen ideologischen Formeln und wirtschaftlichen Zumutungen. Die Steuern für Handwerk und Handel steigen, damit Unternehmer ihre Geschäfte mehr oder weniger freiwillig in Volkseigentum überführen. Auf dem Lande sollen private Bauern in Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) gedrängt werden. Zu diesem Zweck müssen Bauern, die mehr als 20 Hektar Land allein bewirtschaften, ein deutlich höheres Erntesoll erfüllen als die LPG. Druck wird auch durch eine willkürliche Strafjustiz ausgeübt. Wegen angeblicher Wirtschaftsstrafsachen werden allein im ersten Quartal 1953 mehr als 11 000 Menschen verhaftet.

Die SED erreicht mit ihrer harten Politik nur teilweise ihre Ziele. Stattdessen animiert sie viele Bauern und Gewerbetreibende zur Flucht in den Westen. Im März 1953 erreicht die Fluchtwelle ihren vorläufigen Höhepunkt: 58 605 Menschen setzen sich in den anderen Teil Deutschlands ab. Die Massenflucht von Bauern, aber auch die Militarisierung, die der Wirtschaft Zehntausende dringend benötigter Arbeitskräfte entzieht, bleiben nicht folgenlos. Die Versorgungslage der Bevölkerung verschlechtert sich dramatisch: Kartoffeln, Getreide, Fleisch und Gemüse sind so knapp wie in den Hungerjahren nach dem Krieg. Butter und Zucker sind rar. Die Preise steigen.

Die Kirchen begehren im Februar 1953 gegen die Politik der SED auf. In einem Brief der evangelischen Kirchenführung an Ministerpräsident Otto Grotewohl heißt es: „Seht die Not, die zu einer Katastrophe von größtem Ausmaß zu führen droht! Denkt daran, daß nur innerlich ungebrochene Menschen starke und zuverlässige Glieder einer Volksgemeinschaft sein können! Trefft Maßnahmen, die dieser Not ein Ende machen!“ Die DDR-Führung reagiert mit Repression. Sie lässt kirchliche Einrichtungen schließen, Geistliche verhaften und bekennende Mitglieder der „Jungen Gemeinde“ von Schulen und Universitäten verweisen.

Immer mehr administrative Entscheidungen werden gefällt, um Ostdeutschland sozialistisch umzugestalten. Die traditionelle Länderstruktur wird 1952 aufgelöst. Stattdessen entstehen nach sowjetischem Vorbild 15 Bezirke, deren Grenzen teilweise quer zu den alten Ländergrenzen liegen. Gegen die wirtschaftliche Not weiß die Regierung allerdings keine Lösung. Deshalb erhöht sie das Arbeitspensum.

Zunächst hofft die SED-Führung, dass die Belegschaften der Staatsbetriebe ihre Arbeitsnormen freiwillig erhöhen. Doch niemand will in dieser wirtschaftlichen Notlage bei gleichem Lohn mehr arbeiten, also auf Geld verzichten. So setzt der Ministerrat schließlich auf staatlichen Zwang: Am 28. Mai 1953 verfügt er per Gesetz, die Arbeitsnormen um 10,3 Prozent zu erhöhen. Und zwar bis zum 30. Juni, dem Geburtstag des SED-Generalsekretärs Walter Ulbricht.

Mitten in der sozialistischen Aufbauphase stirbt das Vorbild des Aufbaus. Im März 1953 wird in Moskau die Leiche Stalins beerdigt. Kurz zuvor hatte die SED Stalin noch als „genialen Führer und Lehrer“ gefeiert. Im Kreml ist die politische Linie zunächst unklar. Die neuen Machthaber sind sich aber in einem Punkt einig: Die Entwicklung in der DDR macht ihnen Sorge. Im April wird die ostdeutsche Führung in einem Brief aus Moskau aufgefordert, den „rücksichtslosen Kurs zur Verwirklichung der Grundlagen des Sozialismus zu mildern“.

Doch die SED reagiert nicht, sie ist unentschlossen. Und die Wut der Menschen wächst. Am 17. Juni 1953 wird sie sich schließlich auf den Straßen entladen.

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