Berlin : Mit kleinen Schritten gegen den Sturz

Der sichere Gang lässt sich trainieren – wenn das individuelle Risiko feststeht

Christina Kohl

Der nasse Boden einer Badewanne ist besonders gefährlich. Oder der Läufer, der auf den Fliesen im Flur liegt. In fast jeder Wohnung gibt es zahlreiche solcher Stolperfallen – und mit zunehmendem Alter steigt auch das Risiko, in sie hineinzutappen. Laut wissenschaftlicher Studien sind Menschen ab 65 Jahren besonders gefährdet. Vor allem für Ältere kann ein Sturz schlimme Folgen haben. Es leidet nicht nur der Körper, sondern auch die Psyche. Wenn Bewegung und Selbstständigkeit abnehmen, wachsen Unzufriedenheit und Angst. Nicht selten ziehen sich Betroffene dann mehr und mehr aus dem gesellschaftlichen Leben zurück.

Stürze und ihren Folgen sind auch eine große Belastung für das Gesundheitssystem. Allein die Kosten für die stationäre Behandlung von Hüftfrakturen, eine der schwerwiegendsten Folgen eines Sturzes, beziffern Experten auf fast 2,8 Milliarden Euro jährlich. Erschreckend ist die Summe vor allem, weil diese Diagnose verhindert werden kann. „Stürze lassen sich vermeiden“, sagt die Ärztin und Gesundheitswissenschaftlerin Andrea Icks, „auch Hüftfrakturen“.

Mediziner und Sozialarbeiter raten deshalb vorzubeugen. Mit wenigen Schritten und leichten Veränderungen lassen sich die Sturzgefahr verringern und Lebensqualität erhalten. Zwei Gruppen sind besonders gefährdet: Personen, die älter als 65 Jahre sind, und Menschen, die bereits in den vergangenen Monaten häufiger gestürzt sind. Sie führt der erste Weg zum Hausarzt oder zu speziellen Beratungsstellen in der Umgebung. Mithilfe einiger Fragen und Untersuchungen kann das individuelle Sturzrisiko ermittelt werden – und wie es zu verringern ist. Wann sind Sie das letzte Mal gestürzt? Wie ist das passiert? Wie steht es um Ihre motorischen Fähigkeiten? Nur wenn die eigenen Probleme berücksichtigt werden, lässt sich eine sinnvolle Therapie erarbeiten. Mögliche Krankheiten, zum Beispiel Osteoporose, müssen unbedingt medizinisch abgeklärt werden.

Ein ungetrübter Blick ist die Voraussetzung für einen sicheren Gang. In einer Studie mit Bewohnern eines Altenheims hat der auf Sturzverhütung spezialisierte Arzt Clemens Becker herausgefunden, dass das Sturzrisiko von Personen mit eingeschränkter Sehfähigkeit bei mehr als 70 Prozent liegt. Dabei ist dieses Problem im besten Fall relativ leicht zu beheben: durch die Anschaffung oder Korrektur einer Brille. Bestimmte Beruhigungs- oder Schlafmittel können das Sturzrisiko erhöhen. Der Hausarzt weiß, welche Präparate in dieser Hinsicht gefährlich sind.

Da Muskelkraft und Balance im Alter nachlassen, kann ein gezieltes Kraft- und Balancetraining hilfreich sein. Krankenkassen, Hausärzte und Senioren-Kontaktstellen informieren über die Kurse in der Umgebung. Teilweise sind die Kosten auch erstattungsfähig. Welche Kriterien dafür erfüllt sein müssen, variiert je nach Versicherung.

Das eigene Zuhause ist ein vertrauter Ort – und oft gerade deshalb gefährlich. Unsere Aufmerksamkeit sinkt, Veränderungen sind ein unliebsamer Eingriff in die Privatsphäre. Dabei lässt sich hier schon durch wenige Mittel viel erreichen. Griffe im Bad und Treppenhaus unterstützen die Balance, eine großzügige Beleuchtung erleichtert die Orientierung. Für Menschen, die nachts aufstehen, kann es sich lohnen, einen Bewegungsmelder anzubringen. Rutschhemmende Strümpfe und stabiles Schuhwerk verringern das Risiko, auf glattem Boden zu fallen. Ein geringer Absatz und fester Fersenhalt sichern den Stand. Ein weiteres Hilfsmittel ist der sogenannte Hüftprotektor. Dahinter verbirgt sich eine Miederhose mit Schalen, die die Hüftknochen polstern. Die Hüftfraktur ist einer der häufigsten Gründe für die Einweisung von Menschen in ein Pflegeheim. Der Hüftprotektor vermeidet keinen Sturz, kann aber den Bruch des Oberschenkelhalsknochens relativ sicher verhindern. Christina Kohl

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