Berlin : Mit Pinsel auf die Kanzel Sechs Künstler begaben sich in Kirchen-Klausur

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Früher döste Thomas Staudenherz manchmal in der Kirchenbank. Diesmal schlief er auf der Kanzel. Zuvor war er auf den Beichtstuhl geklettert, hatte ihn beklebt, fotografiert und auf Leinwand gemalt. Dieses Gestühl, in dem er als Kind nie wusste, was er sagen sollte, und das er gehasst hatte. Staudenherz, 39 Jahre, Jeans, rote Trainingsjacke, ist einer von sechs Künstlern, die sich Mitte Mai übers Wochenende in der katholischen Kirche Heilige Familie eingeschlossen haben, um hier drei Tage und Nächte zu arbeiten und zu leben. Was bei dem Experiment rausgekommen ist, kann man an diesem Wochenende dort besichtigen.

Schon immer fühlten sich Künstler von Kirchenräumen angezogen, Glaube hin, Glaube her. Von den großen Malern des Mittelalters und der Renaissance bis hin zu Joseph Beuys – sie alle haben mit dem Sakralen geflirtet – und gekämpft. Denn in den katholischen Kirchen hat jeder Meter eine bestimmte Funktion. „Was soll ich hier noch hinzufügen?“, hat sich Maler René Faber gefragt, als er mit den Pinseln am Weihwasserbecken vorbei in die Kirche einzog. Außerdem falle das Licht ständig von woanders ein, und dann die vielen Stile, die sich in dem Gotteshaus vermischen: heller Holzboden, dunkle Bänke, Blattgold, Sandstein, Klinker. „Da geht gar nichts“, dachte auch Malerin Isabel Pauer zuerst. Und dann einfach gemacht, was sie schon lange reizte: Sich da hinsetzen, wo sonst nur der Pfarrer sitzen darf – und PingPong-Bälle durch den Raum werfen. „Wie kommen die Normen zustande, die einen sofort beim Betreten einer Kirche überkommen?“, fragte sie sich dabei, „wie schafft man sich Raum?“. Dann machte sie die Posen der Gläubigen nach – sitzen, stehen, knien – und baute mit zwei Garderobenständern und roten Stoffbahnen einen Guckkasten. Darin kann man heimlich den Kirchenraum beobachten.

Bildhauerin Regina Stiebler robbte unter den Bänken entlang, um eine neue Perspektive zu finden und markierte die verschiedenen Ebenen des Kirchenraums mit Tapetenbahnen.

Nicht wissen, was herauskommt, nichts Fertiges mitbringen und kein Handy, das war die Abmachung, die Thomas Staudenherz mit Pfarrer Martin Rieger getroffen hat. Die beiden sind ungefähr gleich alt und kennen sich schon eine Weile, Staudenherz wohnt um die Ecke und hat im Kirchturm sein Atelier. Die anderen kannten sich nicht. Ein engeres Verhältnis zu Glaubensdingen hatte keiner von ihnen. Trotzdem waren alle begeistert. Wo sonst findet man einen derart kontemplativen Raum wie in einer Kirche, sagt René Faber. Abends haben sie in der Gemeindeküche gekocht und bis vier Uhr morgens in der Kirche beisammen gesessen, Wein getrunken, wieder weitergearbeitet, bis jeder eine Ecke zum Schlafen suchte. Morgens wurden sie von der Putzfrau geweckt. Nach einer Nacht sei die Kirche nicht mehr fremd gewesen, sagt Isabel Pauer. „Aber ganz kann man sie wohl nie erobern.“ clk

Ausstellung „drei.raum.sechs“, Sa, 4.6., 12 bis 24 Uhr, So, 5.6., 12 bis 20 Uhr. Heilige Familie, Wichertstr. 23, Prenzlauer Berg

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