Berlin : Mit scharfem Strich

Bernd Matthies

Manch ein einst Prominenter wirkt nach all den politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen der letzten Jahre wie ein Repräsentant einer versunkenen Welt, und dies gilt gewiss auch für Hans "Oskar" Bierbrauer, den seinerzeit vermutlich bekanntesten deutschen Karikaturisten. Seinen Karrierehöhepunkt erlebte er als Mitstreiter in Hans Rosenthals "Dalli Dalli", einer Sendung, die aus heutiger Sicht in ein anderes Zeitalter gehört.

Damals, Anfang der Siebziger, gab es zwei oder drei Fernsehprogramme, und wer in einem davon auftrat, konnte zum Liebling einer halben Nation werden. Oskar - den richtigen Namen kannte ohnehin kaum jemand - schaffte das mit seiner Fertigkeit, Menschen in nur wenigen Strichen blitzschnell und treffend zu porträtieren. Karikaturen zeichnet er heute nicht mehr, malt nur noch Aquarelle und Ölbilder. Eine Auswahl aus seinem gesamten Schaffen wird ab dem heutigen Sonntag im Hotel Intercontinental gezeigt. Anlass: Der 80. Geburtstag des Künstlers.

Oskar war auf seine Art einer der profiliertesten Unterhalter West-Berlins. 37 Jahre hat er täglich für die Berliner Morgenpost gezeichnet, war lange Jahre Mitarbeiter der SFB-Abendschau, und stets bewegten sich seine Zeichnungen zwischen liebevoll ausgemalten Herz-mit-Schnauze-Themen und prononciert antikommunistischen Spitzen - unvergesslich, wie er aus einigen Zahlen - beispielsweise dem Datum 13.8.1961 - mit schnellen Strichen das Porträt des verhassten "Spitzbarts" Walter Ulbricht entstehen ließ.

Holzschnittartig war das im doppelten Sinn, denn politische Differenzierung, womöglich satirische Distanz war ihm in der damaligen Berliner Lage fremd; die aufmüpfigen Studenten konnten ihr Anliegen in den polemischen Verkürzungen der Oskar-Karikaturen nicht wiederfinden, und die giftige Systemkritik eines Wolfgang Neuss lag ihm so fern wie der Mond. Sein textendes Alter ego hat er zweifellos in Wolfgang Gruner gefunden, der als "Otto Schruppke" abwechselnd mit Oskar jeden Sonnabend in der Abendschau den Kommunismus in die Tonne trat.

Kein biographischer Text über Oskar verzichtet darauf, die einfachen Verhältnisse zu erwähnen, in denen er groß wurde droben in Wedding. Die Mutter in der Fabrik, der Vater Gelegenheitsarbeiter - ein Wunder, dass er es bis zur einer Lehre als Lithograph brachte. Das Kunststudium scheiterte in den Kriegswirren, das zeichnerische Talent blieb: 1949 fiel er in einem Karikaturenwettbewerb des Tagesspiegels auf, "frech wie Oskar", wie Leser schrieben. Der Name war gefunden, und die Morgenpost, die ihn 1951 unter Vertrag nahm, machte ihn populär in Berlin.

Seit langem lebt Hans Bierbrauer überwiegend in Schleswig-Holstein. Doch seine Bilder erzählen immer noch von Berlin und der Mark, von den Bauten und Landschaften der Region. Wenn seine Jubiläumsausstellung heute Vormittag eröffnet wird, dann ist das gleichzeitig eine Hommage an das neue Brandenburg und eine sentimentale Erinnerung an das alte West-Berlin. Gäste wie Horst Pillau, Curth Flatow, Friedrich Schönfelder, Traudl Rosenthal und Brigitte Grothum stehen dafür ein. Und vielleicht schaut auch Wolfgang Gruner vorbei, der Weggefährte von damals.

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