Berlin : Mit voller Kraft zum Westhafen

Die Schleuse Charlottenburg ist eröffnet – nun hoffen die Hafenbetriebe auf mehr Frachtkähne

Claus-Dieter Steyer

Die Feuerwehr hatte ein zu hohes Tempo vorgelegt. Per Lautsprecher wurde sie gestern Vormittag zurückbeordert, denn das erste Schiff in der neu gebauten Charlottenburger Schleuse sollte schon ein richtiger Frachtkahn auf dem Weg zum Westhafen sein. So musste das Feuerlöschboot mit seinen vorbereiteten Fontänen als Gruß an die mehr als 100 Ehrengäste warten. Die neue Schleuse unter der Rudolf-Wissell-Brücke bestand schließlich den Test. Ein mit Kohle beladenes Schiff fuhr von der Spree unbeschadet in die 115 Meter lange und 12,5 Meter breite Schleusenkammer und überwand den Höhenunterschied zum Westhafen.

Fünf Jahre hatte der Bau gedauert und 74 Millionen Euro gekostet. Das Geld kam fast ausschließlich aus dem Bundeshaushalt, denn die Schleuse ist Teil des Verkehrsprojektes Deutsche Einheit Nummer 17, das den Ausbau der Wasserstraßen zwischen Hannover und Berlin vorsieht. Knapp drei Millionen Euro schoss die EU zu. Nach der Übergabe des Wasserstraßenkreuzes an der Elbe bei Magdeburg Anfang Oktober ist die neue Schleuse nun ein „weiteres Highlight im ostdeutschen Netz“, wie Staatssekretärin Iris Gleicke aus dem Bundesverkehrsministerium schwärmte. Nun könnten Schiffe bis 2,5 Meter Tiefgang problemlos den Westhafen erreichen. Mit Blick auf den Stau auf der nahen Stadtautobahn hatte sie gleich die Lösung parat: „So ein modernes Motorgüterschiff ersetzt 100 Lastzüge.“ Doch trotz der neuen Schleuse überwiegen die Wettbewerbsnachteile für die Binnenschiffer. Das soll sich schrittweise ändern. Nach Angaben der Staatssekretärin gehören der Neubau der Schleuse Kleinmachnow, der Ausbau des Oder-Spree-Kanals und der Oder-Havel- Wasserstraße zu den dringendsten Projekten. Ab 2007 soll ein zweites Schiffshebewerk in Niederfinow entstehen.

Berlins Verkehrssenator Peter Strieder (SPD) lobte das „ingenieurtechnische Meisterwerk“, das an dieser Stelle ganzjährig stabile Wasserstände garantiere. Die Schleuse sei ein Angebot an die Binnenschiffer, den Westhafen besser zu nutzen. „Wir haben hier nicht auf eine vorhandene Nachfrage reagiert, sondern hoffen auf mehr Verkehr.“

Doch dafür brauchen die Binnenschiffer vor allem mehr Wasser. In diesem Jahr lagen sie monatelang auf dem Trockenen. Der verkehrspolitische Sprecher von Bündnis 90/ Die Grünen im Abgeordnetenhaus, Michael Cramer, hält das ganze Projekt 17 auch deshalb für einen „ökologischen Unsinn“. Statt dessen sollten die Schienenwege nach Osteuropa verbessert werden.

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