Berlin : Mit wenig Geld und eigener Kraft die Lage verbessert

Neues Leben erfüllt den Reuterkiez – dank Bürgern, die selbst etwas tun

Juris Lempfert

Die rüstige Dame aus dem Seniorenwohnheim an der Pflügerstraße geht „normalerweise um diese Zeit nicht mehr auf die Straße“. Es ist 18 Uhr und sie macht dann doch eine Ausnahme, weil Ulrich Mahnke sie abholt. In einem Neuköllner Hinterhof zieht das Projekt „Quartiersmanagement am Reuterkiez“, bei dem Mahnke mitarbeitet, an diesem Abend eine Zwischenbilanz. Das Interesse ist groß, 200 Menschen drängen sich in den kleinen Saal.

Vor zwei Jahren stellte Stadtentwicklungssenator Peter Strieder dem Kiez 500000 Euro zur Verfügung, „damit die Bürger die gröbsten Missstände, die sie empfinden, selbst beheben können“. Das Geld konnte eine „Bürgerjury“ völlig unabhängig an Projekte vergeben – mit dem Ziel, die Wohn- und Lebensbedingungen zu verbessern. Die Probleme im Reuterkiez waren vor allem steigende Armut und fehlende Integration bei einem Ausländeranteil von fast 50 Prozent. Bei vielen Bürgern wuchs die Angst vor Kriminalität. Die Bürgerjury bewilligte im Reuterkiez neben Kita-Ausstattungen auch die Sanierung von Schulhöfen, die Veranstaltung von Kinderreisen und ein großes jährliches Straßenfest am Maybachufer – organisiert von den Bürgern. „Dass heute Abend 200 Menschen zusammenkommen, die ihren Kiez weiter verbessern wollen, das war vor zwei Jahren doch undenkbar“, sagt Ulrich Mahnke. Er könne die Erfolge des Quartiersmanagements sehen: Wieder mehr Leben im Reuterkiez, neue Kneipen und wieder mehr Studenten, die hier leben wollten. Genaue Zahlen gibt es aber nicht.

„Es ist hier im Reuterkiez eine soziale Grundstruktur geschaffen worden“, sagt Hartmut Häußermann von der Humboldt-Universität, der dem Senat in seinem Gutachten zu den Quartiersmanagements geraten hatte. Eine solche Grundstruktur fehle typischerweise in vielen Berliner Problemkiezen. Die Folgen seien Verwahrlosung der Menschen und steigende Kriminalität. Mit dem stärkeren Bürgerengagement im Reuterkiez sei die soziale Kontrolle erhöht worden. Belege seien jedoch schwierig. „Eine höhere soziale Kontrolle kann sogar zunächst zu höheren Zahlen in der Kriminalitätsstatistik führen“, so Häußermann, denn die Leute trauten sich eben häufiger, Anzeige zu erstatten. „Die Effektivität von Quartiersmanagements ist schwer messbar, sie lässt sich nicht einfach an Statistiken ablesen“, sagt auch Stadtentwicklungssenator Peter Strieder. Er hält das Quartiersmanagement zwar für einen Erfolg, sagt aber auch, dass es leider noch nicht genügend gelungen sei, die Migranten mit einzubeziehen.

Die 500000 Euro für den Reuterkiez sind inzwischen weitgehend aufgebraucht. Als „Initialzündung“ hätte das Geld in vielen Fällen seine Funktion erfüllt, sagt Ulrich Mahnke. Man bemühe sich jetzt um weitere Mittel – am liebsten von den Bürgern selbst. Die Dame aus dem Seniorenheim fühlt sich im Reuterkiez zwar immer noch nicht restlos sicher. Aber sie hat Leute gefunden, die sie nach Hause begleiten.

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