Berlin : Mithäftling das Auge ausgeschlagen

Justizverwaltung verschwieg Gewalttaten in Strafanstalten Vor Gericht begann Prozess gegen fünf Häftlinge, die einen anderen quälten.

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Erneut hat die Justizverwaltung eine schwere Gewalttat unter Gefangenen verschwiegen. Ende November eskalierte ein Streit zwischen Gefangenen in der Justizvollzugsanstalt Tegel derart, dass ein 36-jähriger Litauer ein Auge verlor.

Die Justizverwaltung bestätigte am Montag entsprechende Informationen von Gefangenen. Nach offiziellen Angaben hatte ein 25-jähriger Libanese dem Litauer eine Porzellantasse derart heftig ins Gesicht geschlagen, dass diese splitterte. In Streit geraten waren die beiden Männer aus nichtigem Anlass. Es ging um die Frage, wer auf einem Stuhl sitzen dürfe. Ein ethnischer Konflikt habe keine Rolle gespielt, hieß es seitens der Anstaltsleitung. Nach telefonischen Informationen von Gefangenen hätten sich an diesem Morgen zwei Gruppen, Araber und Osteuropäer, in einem Arbeitsbetrieb der JVA gestritten. Gegen den im Libanon geborenen Maroan D. ermittelt jetzt die Staatsanwaltschaft, auf schwere Körperverletzung steht ein Jahr Mindeststrafe. Eigentlich hätte D. im kommenden Jahr entlassen werden sollen.

Auch eine andere, grausame Serie von Gewalttaten in der Jugendstrafanstalt (JSA) Berlin aus dem Sommer war von der Justiz nicht gemeldet worden. Am Montag begann der Prozess gegen fünf Insassen der JSA. Aus Langeweile und zu ihrer „Erheiterung“ hatten sie einen Mitgefangenen über Wochen hinweg gequält. Vier der fünf Häftlinge zeigten sich vor Gericht reuig. „Wir haben es getan, wenn er keine Chance hatte, sich zu wehren“, sagte ein verurteilter Räuber von 21 Jahren. Er habe sich in der Gruppe beweisen, sich „hervortun“ wollen, gestand ein 16-Jähriger, der ebenfalls wegen Raubes eine Haftstrafe verbüßt.

Mitte Mai ging es los. Sie wollten Spaß. Aus „Jux und Dollerei“ sei es geschehen, sagte ein Verteidiger. Für das Opfer wurde es eine brutale Tortur. Schmächtig ist der Mann, über den sie herfielen. Der jetzt 22-Jährige saß als notorischer Dieb im Gefängnis. Die fünf Angeklagten quälten ihn in wechselnder Beteiligung. Sie sind alle Gewalttäter, sie sitzen wegen Raubes, Körperverletzung, einer sogar wegen Mordes. Einmal musste das Opfer den Ermittlungen zufolge in der Zelle bei dem Spiel „Weitergeben“ mitmachen. Alle standen im Kreis. Seine Peiniger schlugen ihn grölend und mit erheblicher Kraft. An einem anderen Tag gossen ihm drei der Angeklagten Wasser über den Kopf. Sie johlten, rasierten ihm den Schädel. Es gab Nackenschläge in Serie für den völlig Verängstigten. Bei einer anderen Gelegenheit wurde eine brennende Zigarette auf seiner Hand ausgedrückt.

Erst im Juni ging das Opfer zu einer Gruppenleiterin und offenbarte sich. Ein Verteidiger kritisierte am Rande des Prozesses, die Bediensteten seien nicht in der Lage, ausreichend zu kontrollieren. Die Täter aus türkischen, deutschen, litauischen und weißrussischen Familien müssen mit Haftstrafen bis zu drei Jahren rechnen.

In der Justizverwaltung hieß es gestern, dass Fälle von Gewalt unter Gefangenen nicht gemeldet werden, weil die Zahl der Taten so hoch sei. Nur schwerste Fälle würden veröffentlicht. Zuletzt war 2010 eine Bluttat in Moabit von der Justiz veröffentlicht worden, bei der ein Gefangener lebensgefährlich verletzt worden war.

In Tegel gab es in diesem Jahr 20 Körperverletzungen unter Gefangenen, im vergangenen Jahr waren es 21. Weitaus höher sind die Zahlen in der Jugendstrafanstalt: 2010 waren es 142, in diesem Jahr gab es bereits 149 Fälle. Die sadistische Serie, die jetzt vor Gericht steht, war die schwerste. Jörn Hasselmann

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