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Mitte : Platz der Einheit

28.09.2008 00:00 UhrVon Lothar Heinke
potsdamer platz Foto: Thilo RückeisBild vergrößern
Der Potsdamer Platz heute - Foto: Thilo Rückeis

Vor zehn Jahren wurde Berlins Mitte neu erfunden: am Potsdamer Platz. Er war das Niemandsland zwischen Ost und West. Und heute? Hier wächst die Stadt zusammen. Hier ist die City – und der Mythos vergangener Zeiten wird mit neuem Leben erfüllt.

Eigentlich fehlt uns so etwas mal wieder: eine Baustelle, von der die Welt spricht. Wo jeder Spatenstich ein Ereignis ist, das bald vom nächsten überboten wird. Taucher, die sich in gurgelnde Baugruben stürzen, Häuserteile, die verschoben werden, tanzende Kräne, vom Starpianisten dirigiert – und das alles als große Schau zu Füßen einer „Infobox“, auf der uns der märkische Sand um die Ohren flog. Da kam jeder, war neugierig darauf, was sich hier am Potsdamer Platz, nach dem Wunder der Einheit, inmitten einer 28 Jahre lang zerrissenen Stadt ereignete.

Es war der Wandel durch Annäherung, wie ihn sich die Erfinder des Begriffs, Egon Bahr und Willy Brandt, vielleicht nicht einmal erträumt hatten.

Der einst verkehrsreichste Platz in Europa lag nach dem Mauerbau 28 Jahre lang im Niemandsland. Da war kein Durchkommen, Beton, Stacheldraht, Panzersperren. Vom Osten her sah man aus befohlener Ferne ebenso das große Elend einer kahlen Landschaft wie vom Westen aus. Wer dort auf dem hölzernen Podest stand und „in die Zone“ guckte, nahm schaudernd-gleichgültig den Osten genau so wahr, wie er ihn sich immer vorgestellt hatte: als leblose Geisterstadt. Über und auch unter der Erde: kein S-Bahn-Halt. Dann kam der Tag kurz nach dem 9. November 1989, an dem Richard von Weizsäcker auf einem frischen Pfad über den Platz Richtung Osten schlenderte. Ein Offizier der Grenztruppen der DDR grüßte artig den höchsten Chef des Klassenfeindes, legte die Hand an die Mütze und sagte: „Keine besonderen Vorkommnisse, Herr Bundespräsident.“

Als die betonierten Scheußlichkeiten abgeräumt sind, stehen wir auf einem Wiesenacker und blicken auf das einzige Haus am Platze, das graue Weinhaus Huth. Der Touristenbus hält, aber niemand steigt aus. Es lohnt sich nicht. Die Gäste blicken gelangweilt aus den Fenstern. Die Gegend ist eine Zigarettenlänge wert. Bücher und Bildbände, Essays und Gedichte sind über dieses Stück Berlin gedruckt worden. Da saßen sie, rauchten, tranken Kaffee, und einer von ihnen, Paul Westheim, notierte anno 1929: „Wie da von allen Seiten die Verkehrsströme heranbrausen, die Elektrischen, die Autos, die hastenden, nah ihrem Ziel hingepeitschten Menschen, wie sich das immerfort verknäuelt und wieder entwirrt, abschwillt und abebbt, wie das wogt und treibt und flutet und sich nie erschöpft ...“ Alte Potsdamer Straße: Ab 1795 rollte alles, was zwischen Paris und Sankt Petersburg zu tun hatte, auf dieser späteren Reichsstraße 1 durch Europa, 100 Jahre später sind schon Eisen- und Straßenbahn in der Nähe. Theodor Fontane geht von hier aus seiner Wohnung im zweiten Stock der Potsdamer 15 (wo er 26 lange Jahre, bis 1898, wohnte) ins Theater. Dann sind da die Kaufhäuser und Behörden, die Hotels und Cafés, und mit ihnen die Stadtmenschen und die Provinzonkel – 40 Straßenbahnlinien sollen zwischen den Kriegen herangebraust sein, 600 Elektrische am Tag, dazu Busse und Droschken auf dem verkehrsreichsten Platz Europas. Die Touris von 1994 starren aus den Busfenstern und verstehen nur Bahnhof, sie sehen dergleichen nicht. Wie Sarah Kirsch in ihrem „Naturschutzgebiet“: Die weltstädtischen Kaninchen / Hüpfen sich aus auf dem Potsdamer Platz / Wie soll ich angesichts dieser Wiesen / Glauben was mir mein Großvater sagte / Hier war der Nabel der Welt / Als er in jungen Jahren mit seinem Adler / Ein schönes Mädchen chauffierte“.

Doch der verdeckte und verdreckte Nabel der Welt hat seinen Nimbus erhalten. Der Platz wollte wieder wer werden, wartete einladend auf die Freier. Die mussten Geld mitbringen, viel Geld, und viel Glauben an eine neue Zukunft der alten Gegend mit gerade mal zwei Häusern, dem „Huth“ und dem Hotel Esplanade. Der erste und reichste hieß Daimler, Herr Daimler aus Stuttgart, später teilte er sich mit Herrn Sony den Platz – die machten sich über 67 000 Quadratmeter Brachland her, bald wusste man nicht mehr, was davon im Osten lag und was im Westen. Die Zukunft hatte die Vergangenheit einfach zugeschippt. So wurde der 44 Jahre lang geteilte Ort zum Mittelpunkt der Einheitsstadt. Er war, vor dem „Pariser“, der erste neue Platz, an dem nach ‘89 die Leute aus Ost und West zusammentrafen. In den Schluchten zwischen den erdfarbenen Häusern snacken sie längst Platt, singen ihr Sächs’sch, rrrollen das Öberlausitz-„R“, sie schwäbeln, bayerln und berlinern, de Hesse sind natürlich auch da und de kölsche Jong sowieso. Zu Mauerzeiten standen die mit den West-Dialekten auf der einen Seite und guckten über die Mauer, die es bei ihnen zu Hause nicht gab. Die Sachsen und Thüringer wiederum kauften in der DDR-Hauptstadt ein, was bei ihnen nicht zu haben war. Heute strömen sie von überallher ins Hotel und in die Restaurants, in die Kinos und durch die hohen Glastüren in die Arkaden: Dieser erste große, nach der Wende neu gebaute Einkaufstempel zieht seit zehn Jahren Touristen wie Einheimische magisch an, er lebt vom einstigen Ruhm des Platzes, ist die moderne Variante einer Einkaufswundertüte, wie es sie in der Nähe früher schon immer gegeben hat.

Vor zehn Jahren, zur Eröffnung, waren die Erwartungen an Berlins halbfertigen Einheits-Platz derart hoch, dass jeder, der sich daran erinnert, sagt, so etwas hätte er noch nie erlebt. Als Bundespräsident Roman Herzog das Modegeschäft seines bayerischen Landsmannes Wöhrl besuchen wollte, wurde er in die linke Glastür hinein- und zur rechten wieder hinausgeschoben. Wöhrls Chefverkäufer Klaus Scheibl, der seinen Schritt von Bayern nach Berlin noch nie bereut hat, „weil die Arkaden eine Erfolgsgeschichte schreiben“, ist jetzt dabei, die drei Wöhrl-Geschosse „zu optimieren“, nach zehn Jahren soll alles noch feiner und attraktiver werden. In Bärbel Wernickes Papeterie wird ebenso gebaut, die Arkaden schminken sich ein wenig um. Auch noch nach zehn Jahren sei die Euphorie geblieben, sagt die Geschäftsfrau. Sie hatte 1998 vorausgeahnt: Der Potsdamer Platz wird der Mittelpunkt Berlins überhaupt, basta. Heute ist er für den Touristen ein Muss, und am meisten freut es sie, wenn die Leute aus Ost und West mit ihrem Besuch hierher kommen und sagen: Das ist unser neuer Potsdamer Platz, den müsst ihr einfach gesehen haben.

René Schickele schrieb vor 80 Jahren: „Ich geh eine ganz vergoldete Straße entlang. / Der Himmel zerfließt im Sonnenuntergang. / Da kommen Frauen, märchenschön, / und bleiben vor glitzernden Läden stehn. / In Blüten schwimmt der Potsdamer Platz, / er träumt vom Mond, dem Götterschatz“. Und was schreiben wohl die Dichter in 80 Jahren über dies kleine Städtchen in der großen Stadt? Little Apple? Langweilig? Einfallslos? Verstaubt? Oder: Noch immer grandios, dieser Phönix aus der Asche der Neunziger?

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