Berlin : Mitte: Unter Bären

Annekatrin Looss

Brigitte Kutzner ist eine Mitbärin. "Oberbärin wäre zu viel gesagt", sagt sie, "schließlich freuen sich Tilo, Schnute und Maxi im Bärenzwinger am Köllnischen Park immer so wie über eine alte Spielgefährtin, wenn ich zu ihnen komme." Seit mehr als zehn Jahren kümmert sie sich um die drei Stadtbären. Heute wird sie 50 Jahre alt.

Spielen kann sie mit den Bären allerdings nicht mehr. Vor elf Jahren, als der nur wenige Monate alte Tilo seine Amtszeit als Stadtbär antrat, tollte sie ausgiebig mit ihm durch das Gehege. Tilo fand Spaß daran, seine "Ersatzmutter" zu erschrecken, indem er ihr von hinten die Pfote auf die Schulter legte. "Da würde ich heute in die Knie gehen, Tilo wiegt inzwischen fünf Zentner." Seit seinem fünften Geburtstag trennt die beiden daher ein Gitter. Gemächlich kommt er angetrabt, als Brigitte Kutzner sich an den Besucherzaun stellt, und macht es sich am Rand des Wassergrabens bequem. Während sie plaudern will, ist Tilo zunächst an Süßigkeiten interessiert. Seiner Wirkung bewusst, wiegt er den Kopf und "klatscht" in die Vorderpfoten. Doch Leckereien gibt es außer der Reihe nur selten. 1999 zum Beispiel, als der Bärenzwinger 60 Jahre alt wurde, hat Kuttner dem Bärentrio eine Riesen-Obsttorte mit Erdbeeren, Kiwis, Weintrauben und - ganz besonders wichtig: Nutella - gebacken.

Aber heute geht Tilo leer aus. Dann will er auch nicht weiter plaudern, sondern trabt davon und erheitert seine Ziehmutter mit dem Versuch, ein paar Tauben, die sich im Gehege herumtreiben, zu fangen. Nein, der 250-Kilo-Bär ist nicht ganz so behend und flink, wie die Vögel. Schmollend verzieht er sich bis zum Mittagessen in den Schatten.

Brigitte Kutzner wollte schon immer Tierpflegerin werden. Aber als Nichtberlinerin eine Lehrstelle im hauptstädtischen Tierpark zu bekommen, war aussichtslos. So machte sie nach der Schule ihr zweitliebstes Hobby zum Beruf und wurde technische Zeichnerin in ihrer Heimatstadt Hennigsdorf. Doch einen wirklichen Traum lässt man auch über Jahre nicht aus den Augen, bis er am Ende doch wahr wird. 1981 entschied sich der Tierpark, auch ungelernte Kräfte für Hilfsarbeiten anzunehmen. Brigitte Kutzner überlegte nicht lange, kündigte ihren Job, suchte sich eine Wohnung in Berlin und begann, im Tierpark Ställe auszumisten. Zur Facharbeiterin qualifizierte sie sich an der Abendschule.

Aber wer mit Brigitte Kutzner über Brigitte Kutzner reden will, hat es nicht leicht. Eher früher als später sind die Bären wieder Thema. Zum Beispiel wenn sie von ihrem Arbeitstag erzählt. Der beginnt mit dem Frühstück für ihre drei Schützlinge: Möhren, Obst oder altes Brot. Dann wird ausgemistet und danach das zweite Frühstück versteckt. Jawohl versteckt. "Damit den Dreien nicht langweilig wird." Honig oder Trockenobst kommt in die Astlöcher der Bäume auf dem Gelände. Rosinen klemmt Kutzner unter die Baumrinde oder vergräbt sie. Erdbeeren und Kirschen wirft die Pflegerin in den Wassergraben, dann können die Bären danach tauchen. Mit dem Finden des zweiten Frühstücks sind Tilo, Schnute und Maxi meist den ganzen Vormittag beschäftigt.

Nach dem Mittag - ebenfalls Obst oder Gemüse - schlafen die Bären, während Frau Kutzner nochmal das Gehege säubert. Ginge es nach ihr, könnte das ewig so weiter gehen. Über ihre Pensionierung denkt sie erst gar nicht nach. "Ich mache solange weiter, wie ich das körperlich kann", sagt sie entschlossen. Aber dann muss sie fort. So ein 50. Geburtstag will schließlich gut vorbereitet sein.

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