Berlin : MKS: Schweine-Luftbrücke im Kalten Krieg

Ekkehard Schwerk

Die Maul- und Klauenseuche war in den sechziger Jahren auch ein Kampfmittel im deutsch-deutsch Kalten Krieg. Zwischen den Fronten musste West-Berlin auch das im Reise- und Güterverkehr zur Bundesrepublik ausbaden. Die Seuche wütete in den ersten sechziger Jahren ziemlich oft und verheerend in der DDR, aber auch gelegentlich in Teilen der Bundesrepublik. In der DDR breitete sich im Winter 1992 die Seuche gewaltig aus bis in Berlinnähe. Im Bezirk Cottbus hatten Kollektivbauern das Auftreten der Seuche verheimlicht, wo doch das SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" gerade einen Appell an die Bürger gerichtet hatte, "sich diszipliniert an die Vorschriften zu halten."

Hintergrund:
Sicherheitsvorkehrungen aus Angst vor Maul- und Klauenseuche

Als auch in einigen Bundesländern in der Mitte der sechziger Jahre die Maul- und Klauenseuche auftrat, begannen enorme DDR-Schikanen im Transitverkehr. Nicht nur Huftiere, geschlachtet oder lebend, durften nicht mehr auf dem Landwege nach West-Berlin gebracht werden. Auch gefrorene Hühner als "Mitbringsel" von PKW-Reisenden waren den DDR-Wächtern Anlass genug, den Berlinreisenden in den Weg zu treten. Die Amerikaner ersannen eine "Schweine-Luftbrücke". Das 6000. Läuferschwein wurde im August 1966 in Tegel erwartet. Zu dessen Begrüßung wurde eine in Berlin auf vier Zentner gemästete Sau aus der ersten Schweine-Luftbrücke nach Tegel befohlen. Nach diesem Protokoll endete sie beim Fleischer. Dieser stiftete dem Kinderheim Haus Rudow Koteletts. Im Rückblick sind solche Kalte-Kriegs-Scharmützel nicht ohne Komik. Damals aber waren sie schlicht lästig. Und verdammt ärgerlich. Warum ließ die DDR westdeutsches Frischfleisch in Kühl-Lastwagen nicht die Transitstrecke passieren, wohl aber in Kühlwagen der Bahn? Oder - anderes Beispiel - die Verweigerung, pasteurisierte Frischmilch aus Schleswig-Holstein nicht mehr auf dem kürzesten Wege über Lauenburg-Horst, sondern den Umweg über Helmstedt und Töpen nach West-Berlin zu transportieren? Es war nichts weiter als eine schikanöse Reaktion auf die Ablehnung der Bundesregierung, auf das DDR-Angebot einzugehen, eine gemeinsame Regierungs-Kommission zur Maul- und Klauenseuche zu bilden. Die DDR schlug das vor, um staatliche Anerkennung zu erzielen. Die Bundesregierung schlug das deswegen aus. Und West-Berlin kritisierte die Bundesregierung. Sie habe eine Chance vertan.

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