Moabit : Das Ende der Paech-Strähne

Ab heute wird der Schornstein der ehemaligen Großbäckerei in Moabit abgetragen. Er macht einem Stadtteilzentrum Platz.

Christian van Lessen
Paech-Fabrik Moabit
Relikt des Moabiter Fabrikzeitalters. Rund um den Schornstein wurden bis in die neunziger Jahre Brote gebacken. Die Werbesprüche...Foto: Mike Wolff

Von heute an verschwindet ein Moabiter Wahrzeichen. Der Schornstein an der Stephanstraße, der letze Zeuge des traditionsreichen Backunternehmens Paech, wird Stück für Stück abgetragen. Die Projektfirma Woks, zu der Gesellschafter der früheren Wendeln-Brotfabrik gehören, will auf dem Gelände für rund 50 Millionen Euro ein vierstöckiges Stadtteilzentrum mit Handel, Dienstleistungen, Hotel und Gastronomie errichten. Ende nächsten Jahres könnten die ersten Etagen des Bauwerks bezogen werden.

Noch steht der 24 Meter hohe Schornstein allein auf weiter Flur. Über Jahre hinweg war er nach Ansicht des Vereins Bürger für den Stephankiez (Bürste) Sinnbild für die wirtschaftliche Stagnation im Kiez, dem Sanierungsgebiet. Ein mahnender Finger, als Kunstobjekt sogar ein Leuchtturm. Aber viel nachgetrauert wird ihm nicht. Heute gibt es um 14 Uhr an der Ecke Strom- und Birkenstraße ein kleines Stadtteilfest mit Fußballturnier. „Vorweihnachtliche Abbruchstimmung auf der Bäckereibrache.“

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Wer erinnert sich nicht? "Ganz furchtbar schimpft der Opapa - die Oma hat kein Paech-Brot da."

Rechtsanwalt Clemens Lammek, der das Projekt auf Investorenseite betreut, rechnet mit einer Baugenehmigung im ersten Quartal. Die Signale aus dem Bezirk – von dem keine Stellungnahme zu erhalten war – seien positiv. So könne man nach geltendem Recht auch schon mit Fundament-Arbeiten beginnen. Gebaut werden soll nach einem Entwurf des weltweit bekannten Berliner Architekturbüros von Sergei Tchoban. Für die Fassade sind noch andere Varianten möglich, so dass sich die bisher vorgestellte Simulation möglicherweise ändern kann.

Ansiedeln werden sich auf 4000 Quadratmetern ein Lebensmittelfachmarkt (Edeka), Gastronomie, es wird Räume für die medizinische Versorgung, für Freizeit und Fitness geben, auch ein Hotel/Hostel soll sich einrichten, ein Parkhaus im Bereich Birkenstraße wird es geben. Gebaut werden sollen auch ein Bürgertreff mit Café, worüber sich Celine Onken vom Verein Bürste besonders freut. Sie spricht von „unserem Häuschen“, einer rund 400 Quadratmeter großen „Exklave“ im Neubauprojekt. Die Anwohner seien frühzeitig in die Planung eingebunden gewesen, sie hätten lange über die Gestaltung des Bauwerks diskutiert, das „zum Glück nicht klotzartig“ ausfalle. „Im Kiez lässt sich nur bauen, was im Kiez funktioniert“, sagt Lammek. Und er ist sicher, dass das neue Stadtteilzentrum – ein griffiger Name ist noch nicht gefunden – der Gegend gut bekomme. Diese könne noch mehr Attraktivität verkraften. Er spricht damit auch das geplante Einkaufszentrum an der Turm- Ecke Stromstraße auf dem ehemaligen Schultheiss-Areal an, für das die Investoren vom Bezirksamt Mitte ein Startsignal erwarten.

Für die Bauherren an der Stephanstraße läutet das Ende des Schornsteins mit seinem gelben Backstein den Anfang ihres Projekts ein. Über 15 Jahre ist es inzwischen her, dass die Feuer der Backöfen erloschen sind. Aus Paech- waren 1989 Wendeln-Brote geworden, aber auch das brachte dem Werk nicht die Rettung. Der Abriss der ruinös gewordenen einstigen Alt-Berliner Großbäckerei begann 2004, der Schornstein blieb bewusst stehen, um an eine zügige Entwicklung zu mahnen. Vor drei Jahren, schien die Zeit reif für den Bau eines Einkaufszentrums, da stand schon die Sprengung des Schornsteins auf dem 15 000 Quadratmeter großen Gelände in Aussicht. Das Bauwerk, das angeblich nie in Betrieb war, steht nicht unter Denkmalschutz, auch die ganze einstige Brotfabrik galt als nicht schutzwürdig. Ihre Sprüche haben sich bei den Älteren eingeprägt: „Und der Orje fragt den Kulle, haste nich ’ne Paechbrot-Stulle?“

Vor dem Krieg standen an Strom-, Birken- und Stephanstraße noch Mietshäuser, und mittendrin war die Backfabrik. Der Schornstein in der Mitte war von außen gar nicht zu erkennen. Heute noch steht er wacker in der Landschaft. Von nun an wird er mittels einer Hebebühne immer kleiner. Mit ihm verschwindet ein Stück Berliner Industriegeschichte.

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