Modellprojekt : Eine Villa für schwule Senioren

Das Alter kann für Homosexuelle besondere Probleme mit sich bringen. In einer ehemaligen Kita in Charlottenburg soll ein Modellprojekt für 40 Bewohner entstehen.

Cay Dobberke
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Ein lauschiger Ort. Berater Frank Hartung im Garten der Ex-Kita Niebuhrstraße 59-60. -Foto: Mike Wolff

Das Alter kann für Homosexuelle besondere Probleme mit sich bringen, sagt Frank Hartung von der Schwulenberatung Berlin. Seniorenheime und Freizeitstätten seien häufig ungeeignet, weil die „Gespräche schnell um Familie, Ehe, Kinder und Enkel kreisen“. Wer sich nicht outen wolle, müsse Geschichten erfinden oder schweigen. Zudem hätten gerade ältere Schwule oft Angst vor Diffamierungen, da sie sich an Zeiten erinnern, in denen gleichgeschlechtlicher Sex noch strafbar war.

Die Lösung sieht Hartung im „deutschlandweit ersten generationsübergreifenden Wohnprojekt“ für schwule Männer – Arbeitstitel: „Regenbogenvilla“. Die Idee fußt auf vielen Gesprächen, die er als Leiter eines „Netzwerks Anders Altern“ in der Schwulenberatung führte. Es gibt 40 Interessenten für Wohnungen und nach langer Suche jetzt auch einen geeigneten Standort. Denn in der Charlottenburger Niebuhrstraße 59–60 steht seit dem Vorjahr eine Kindertagesstätte leer.

Geplant sind 25 Eineinhalb- und Zweizimmerwohnungen, eine vierköpfige Wohngemeinschaft, eine betreute Wohngemeinschaft für Demenzkranke und Gemeinschaftsräume. Ein Concierge soll die „erste Anlaufstelle für allen Belange“ werden. Projektleiter Hartung verspricht den Interessenten eine „ortsübliche“ Grundmiete. Jeder soll so lange wie möglich im Haus wohnen können – durch nachbarschaftliche Hilfe und die Zusammenarbeit mit Pflegediensten. Ein „Kiezcafé“ im Parterre und Garten ist auch für Anwohner aus der Umgebung gedacht.

Den Betrieb möchte Hartung über eine Zuverdienstmöglichkeit für psychisch kranke Männer sichern. Darüber hinaus will die gesamte Schwulenberatung aus der Mommsen- in die Niebuhrstraße umziehen. In den kleinen Räumen dort „platzen wir aus allen Nähten“, sagt Geschäftsführer Marcel de Groot. Die seit Anfang der achtziger Jahre bestehende Beratungsstelle hat heute 42 hauptberufliche Mitarbeiter.

Die Kosten für das Projekt sind noch nicht gedeckt: 2,3 Millionen Euro verlangt der Bezirk für das Haus, und für das Grundstück muss ein Erbbaupachtvertrag geschlossen werden. Der Umbau kostet etwa 1,5 Millionen Euro. „Dafür brauchen wir Sponsoren und wir müssen Kredite aufnehmen“, sagt de Groot.

Politisch scheint der Weg geebnet. Die rot-grüne Mehrheit in der BVV Charlottenburg-Wilmersdorf spricht sich für die „einmalige Gelegenheit“ aus, innovative Ideen umzusetzen, die Infrastruktur für Schwule zu verbessern und ein „Zeichen für Toleranz, Akzeptanz und Integration“ zu setzen. Im Haushaltsausschuss votierte auch die FDP dafür. Die endgültige Zustimmung der BVV wird nach den Sommerferien erwartet.

Die „Regenbogenvilla“ ist nicht allein für Männer gedacht – auch Frauen aus deren Freundeskreis sind willkommen. Dasselbe gilt für lesbische Frauen, auch wenn sie nicht direkt zur Zielgruppe gehören. Momentan wollen acht Frauen einziehen. Alle 40 Bewerber treffen sich seit einem Jahr in einer Vorbereitungsgruppe. Sowohl Paare als auch Singles gehören dazu. Die meisten sind über 60 Jahre alt, der jüngste 35.

„Eigentlich ist das Haus schon voll“, sagt Frank Hartung, „aber es können sich noch Interessenten melden“. Schließlich sei es möglich, dass jemand bis zur Eröffnung abspringt. Falls der Umbau, wie erhofft, im kommenden Jahr beginnen kann, sollen die Wohnungen im Frühjahr 2009 bezugsfertig sein. Cay Dobberke

Telefon: 23 36 90 70, Internet: www.schwulenberatungberlin.de

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