Berlin : Montags Rosen (Glosse)

Nicola Kuhn

Wer denkt, den Karneval gäbe es nur in Köln, der kann ihn als aufmerksamer Beobachter sogar in Berlin entdecken - wenn auch nur in Spurenelementen. Kommen Sie unvermutet früher nach Haus, so überraschen Sie womöglich den eigenen Ehepartner vor dem Fernseher beim heimlichen Gucken einer Karnevalssitzung. Oder auf dem Anrufbeantworter finden sich Einladungen zu konspirativen Treffen: für gemeinsames Verkleiden und anschließendes Rumtata. Heute aber hält es die wahren Jecken selbst im preußischen Berlin nicht mehr im Haus, denn schließlich ist der Rosenmontag Höhepunkt allen närrischen Treibens. Ein Thema also auch für unsere Montagsglosse, wenn sie auf den Rosenmontag fällt.

Warum er so heißt, weiß so recht keiner mehr. Historiker vermuten, dass die Bezeichnung auf den Rosensonntag zurückgeht, jenen vierten Sonntag der vorösterlichen Fastenzeit, an dem vor 170 Jahren die erste Kölner Karnevalsgeselschaft zusammenkam, um ihren für den folgenden Tag geplanten Fastnachtsumzug vorzubereiten. Klingt kompliziert und längst nicht so schön wie die Erklärung, dass es an diesem Tag von den durch die Stadt fahrenden Karnevalswagen schließlich Rosen oder zumindest "Strüßcher" (hochdeutsch: Sträußchen) regnet.

Ob man sich das nicht auch einmal für das protestantisch geprägte Berlin einfallen lassen könnte? Wenn hier die Vorfrühlingsstimmung zu kippen droht und sich der Winter mit besonders rauhen Winden und seine letzten schmuddeligen Schneeflocken hartnäckig noch einmal behauptet, dann wäre die Einführung eines Rosenmontags, von mir aus auch Tulpen- oder Narzissenmontags, doch psychologisch sinnvoll. Schließlich fehlt den Berlinern die fünfte Jahreszeit - in der im Rheinland die Austreibung des Winters und aller anderen bösen Geister gefeiert wird. Man stelle sich das bildlich vor: Statt im gewohnten Trott wie an jedem Montag, den Arbeitgeber und Schulrat geschaffen haben, in sein Büro oder Klassenzimmer zu schleichen, würde auch in Berlin jedermann mit Blumen beschert, sobald er auf die Straße tritt.

Doch sehen wird den Tatsachen ins Auge. Berlin ist Diaspora. Da schmeißt aus Jux und Dollerei keiner mit Rosen um sich. In der Spandauer Vorstadt gab es am Sonnabend zwar großen Umzug, doch waren das keine Narren, sondern Kunstfreunde auf Galerienrundgang. Kostümiert hatte sich keiner, selbst die Filmfotos der als Nazis verkleideten Schauspieler in der neuen Ausstellung der "Kunst-Werke" waren nicht besonders komisch. Heimweh beschleicht in diesen Tagen so manche aus Köln umgesiedelte Galeristen. Ihnen fehlt dann noch mehr als sonst die karnevalistische Energie in der Stadt, soll heißen: die Bilderbegeisterung und das barocke Naturell der rheinischen Sammler. Trotz aller Aufbruchseuphorie blüht ihr Geschäft noch immer nicht. Und während das Rheinland bis Aschermittwoch tobt, ja sogar die Bayern ihren Fasching feiern, scheint Berlin zu büßen. Obwohl man es zumindest öffentlich gar nicht toll getrieben hat.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben