Müll in Berlin : Neuköllner Straßen werden zur Müllhalde

Viele Ecken in Neukölln sind "Müll-Hotspots". Das Problem ist auch das fehlende Umweltbewusstsein der Leute, die zum Beispiel ganze Wohnungseinrichtungen auf der Straße abladen.

Ronja Straub
Sperrig. Christina Schwarzer von der CDU möchte, dass illegale Müllentsorger endlich zur Rechenschaft gezogen werden.
Sperrig. Christina Schwarzer von der CDU möchte, dass illegale Müllentsorger endlich zur Rechenschaft gezogen werden.Foto: Ronja Straub

Ein Zaun, zwei Plastiktüten, alte Glühbirnen, ein Taschenrechner und Geschirr liegen verstreut auf dem Gehweg. Daneben lehnt eine zerfetzte Matratze am Baum. An der Mauer des St. Thomas-Friedhofs liegt eine halbe Wohnungseinrichtung. Die Thomasstraße in Neukölln ist zu einer Müllhalde verkommen.

Im Jahr beseitigt die Berliner Stadtreinigung (BSR) im Schnitt 800 Tonnen illegal abgelagerten Sperrmüll von Neuköllns Straßen. Andere sogenannte „Müll-Hotspots“ in Neukölln sind der Mittelbuschweg, die Saalestraße oder das Weigandufer. Grundsätzlich ist illegaler Müll in vielen Teilen Berlins ein Problem - Problemzonen sind auch der Görlitzer Park und der Mauerpark.

Politikerin Schwarzer kritisiert Vorgehen in Neukölln

"Irgendetwas läuft hier schief“, beschreibt Christina Schwarzer, CDU-Bundestagsabgeordnete, die Situation in Neukölln. Oft würden Abfälle einfach auf der Straße abgeladen. „Sperrmüll kann man kostenlos entsorgen - viele sind zu bequem, zur BSR zu fahren“, so die Neuköllner Politikerin. Seit einem Jahr kritisiere sie die Situation im Kiez – geändert habe sich seit dem nichts. Es habe Vorschläge der CDU-Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung gegeben, mehr Mülleimer aufzustellen oder höhere Bußgelder zu verhängen. Die Vorschläge seien abgelehnt worden.

Alte Autoreifen und auseinandergebaute Kleiderschränke sind in den Straßen von Neukölln keine Seltenheit.
Alte Autoreifen und auseinandergebaute Kleiderschränke sind in den Straßen von Neukölln keine Seltenheit.Foto: Ronja Straub

Im letzten Jahr startete der Bezirk Neukölln die Sauberkeitskampagne "Schön wie wir – so wollen wir unser Neukölln“. Die Bewohner wurden aufgerufen, gemeinsam mit anderen Akteuren aktiv zu werden. Laut Schwarzer hat die Aktion aber nichts gebracht. Die Leute hätten keine Lust, den Müll von anderen wegzuräumen. Schließlich seien die, die den Müll wegräumen nicht die gleichen, wie die, die ihn verursachen. Schwarzer bevorzugt eine härtere Reaktion: Das Ordnungsamt müsse die Täter ermitteln, eine bessere Ausleuchtung der Straßen wäre gut, oder Bewegungsmelder. Schwarzer kann sich auch eine Videoüberwachung an einzelnen Hotspots vorstellen.

Giffey: "Bewusstsein der Leute muss sich ändern."

Die Neuköllner Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) sieht darin nicht die Lösung. Ihrer Meinung nach sind die Busgelder mit 5.000 bis 10.000 Euro hoch genug. Auch eine Videoüberwachung sei allein aus rechtlichen Gründen nicht möglich. "Wir müssen das Bewusstsein und damit das Verhalten der Leute ändern“, sagt Giffey. Und weiter: "Es muss sozial geächtet sein, den Müll auf die Straße zu stellen.“ Bei vielen sei die Verantwortungslosigkeit einfach zu groß. Die Aktion "Schön wie wir“ sei dazu nur ein Baustein, nicht die endgültige Lösung.

Ein weiterer Baustein sei die Aktion "Anti Müll", die seit April letzten Jahres läuft. Dabei macht das Ordnungsamt an 15 "Müll-Hotspots" in Neukölln Schwerpunktkontrollen. Zum Beispiel in der Schillerpromenade, Stuttgarter Promenade und der Mittelbuschweg. An vielen anderen Stellen sei allerdings das Problem: "Die 42 Mitarbeiter, die momentan für den Außendienst eingeteilt sind, reichen nicht aus, um 350 Kilometer Neuköllner Straßenland zu überwachen", sagt Giffey. "Nur wenn wir die Täter erwischen, können wir sie bestrafen.“ Oft sei das nicht der Fall.

Per App kann jeder seine "Müllbeschwerde" einreichen

Seit Anfang November 2015 gibt es das Anliegen-Management (AMS) beim „Ordnungsamt Online“ und seit Juli letzten Jahres die dazugehörige App. Über diese App können Bürger mit einem Foto und einer Beschreibung Müllhaufen beim Ordnungsamt melden. Dieses benachrichtigt die BSR. Nach drei bis fünf Tagen soll der Müll weggeschafft sein. Seit Start des Online-Portals sind in Neukölln 20 000 Beschwerden eingegangen. Alle wurden bearbeitet. Das Problem: Ein paar Tage später liegt an den gleichen Stellen ein neuer Haufen Müll. „Die Leute haben das Gefühl, dass sie damit durchkommen, schließlich wird ihr Müll abgeholt“, sagt Giffey.

Müllecken wir hier in der Thomasstraße gehören zum Neuköllner Stadtbild.
Müllecken wir hier in der Thomasstraße gehören zum Neuköllner Stadtbild.Foto: Ronja Straub

Der Schmutz in Neukölln stört auch die Anwohner. „Die Leute müssten einsehen, dass Müll ein Problem ist und mitmachen, ihn zu beseitigen“, sagt eine Frau im Kiosk in der Hermannstraße. Ein Mann, der gerade mit seinem Kind am Kinderhort der Peter-Petersen-Schule vorbeiläuft meint: „Irgendwie habe ich mich schon daran gewöhnt - für mich ist das einfach Berlin.“

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