Berlin : Müllentsorgung: Auslaufmodell Deponie

Thomas Loy

Die Müllkippe, Synonym für die Überfluss- und Wegwerfgesellschaft, für Massenkonsum, Verpackungswahn und Landschaftszerstörung - die Müllkippe stirbt aus. "Das Deponieren ist ein Auslaufmodell", sagt Carlo Zandonella von der Senatsumweltverwaltung. Berlin bereitet sich stattdessen auf die "energetische Verwertung" vor, die auch den bisher deponierten Hausmüll - 800 000 Tonnen jährlich - restlos erfassen soll. Dabei möchte man den Bau einer weiteren Müllverbrennungsanlage vermeiden. "Gesucht werden flexible Lösungen, keine teuren, einseitigen Anlagen", fachsimpelt Zandonella. Die Stadtreinigung (BSR) arbeitet gegenwärtig mit den Fachressorts ein Gutachten aus, das bis zur Sommerpause vorliegen soll. Dann werde der Senat entscheiden, so Zandonella, denn "die Zeit drängt". Damit meint er den 1. Juni 2005. Denn danach darf nur noch vorbehandelter Müll, also von Wasser und organischen Stoffen befreit, auf einer Deponie abgeladen werden. Und wenn deponiert wird, dann nur noch auf einer abgedichteten Fläche, um das Grundwasser zu schützen.

Die zwei Berliner Umlanddeponien, auf denen noch Müll eingelagert wird, haben eine solche "Basisabdichtung" nicht, fallen also mit dem 1.Juni 2005 weg. Wohin also mit dem Müll? Der Senat wollte 1995 mehrere Verbrennungsanlagen bauen lassen, doch an den geplanten Standorten formierte sich Protest. Nach einem "Runden Tisch" mit Wirtschafts- und Umweltgruppen sowie Gutachtern mussten BSR und Bewag ihre projektierten Anlagen auf Eis legen. In Brandenburg befürwortete man ohnehin die "Kalte Rotte", eine Art Müll-Kompostierung mit anschließender Deponierung. Doch die rechtlichen und ökonomischen Bedingungen für diese von den Grünen favorisierte Lösung haben sich verschlechtert. Die "wahrscheinlichere Lösung", sagt Zandonella, liege in der Aufbereitung von Hausmüll zu einem "Ersatzbrennstoff" für die Industrie.

Nun will es der Zufall, dass die Entsorgungsfirma Alba vor wenigen Tagen ein "Gutachten" vorstellte, in dem sie genau diese Lösung vorschlägt. Mit dem Sekundärrohstoff-Verwertungszentrum Schwarze Pumpe (SVZ) will Alba 300 000 Tonnen Hausmüll an mehreren Standorten in Berlin "aufbereiten", dann per Güterzug nach Schwarze Pumpe fahren und dort zu Methanol und Strom weiterverarbeiten (siehe Kasten). Das soll rund 210 Mark pro Tonne kosten und damit nicht wesentlich teurer werden als die Deponierung. Der übrige Hausmüll könnte in Ruhleben verbrannt werden. Einen Standort für eine "Aufbereitungsanlage" hat sich Alba vorsorglich gesichert: die ehemalige Kupferraffinerie an der Flottenstraße in Reinickendorf. Auch das Kraftwerk Rummelsburg am Blockdammweg und die Umschlagstation der BSR an der Neuköllner Gradestraße kämen laut Alba-Chef Eric Schweitzer in Frage - hier wollten BSR und Bewag einst ihre Müllverbrennungsanlagen bauen. Eine Aufbereitungsanlage soll ungefähr 100 000 Tonnen Hausmüll im Jahr verarbeiten, rund 50 Millionen Mark kosten und 30 Arbeitsplätze bieten. In solchen Anlagen wird der Müll zerkleinert, um Holz, Keramik und Metalle erleichtert, mit Heißluft getrocknet und zu geruchsfreien Pellets gepresst. Das SVZ hat bereits mit Chemnitz und Dresden Verträge über die Hausmüll-Verwertung zu Methanol abgeschlossen.

Versuche mit Berliner Hausmüll laufen in Schwarze Pumpe bereits. Ausreichend Verarbeitungskapazität sei noch frei, sagt SVZ-Geschäftsführer Thomas Obermeier. Verstreicht dieses Jahr jedoch ohne eine Entscheidung, werde man andere Optionen wahrnehmen. Da es in Ostdeutschland nur wenig Müllverbrennungsanlagen gibt, sehen Schweitzer und Ostermeier eher das Land Berlin im Zugzwang als ihre Unternehmen. Und die BSR, die weiterhin das Monopol auf die Hausmüll-Beseitigung innehat, könne gerne in das Projekt einsteigen. BSR-Sprecherin Sabine Thümler spricht von "vielen Varianten", die geprüft würden. Von einer weiteren Müllverbrennungsanlage nach dem Thermoselect-Verfahren habe sich die BSR jedoch verabschiedet.

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