Musikerziehung : Das klingende Klassenzimmer

In der Grundschule am Humboldthain hat der Schulalltag Töne - nicht nur für Superstars. Kinder haben mehr Musikunterricht, lernen ein Instrument und spielen im Orchester.

Daniela Martens

Dana und Hassan lassen es regnen: Ihre Fingerspitzen entlocken einer kleinen Orff-Pauke Wassertropfengeräusche. Dazu bläst ein Mädchen die Lotusflöte, das hört sich an wie Vogelgezwitscher. Etwa 20 Viertklässler sitzen an diesem Morgen in einem der Musikräume der Humboldthain-Grundschule in Wedding im Kreis und lassen es rasseln, ratschen, klatschen und klingen. Jeder hat ein Rhythmusinstrument in der Hand, das aus der großen Musikkiste stammt: Klanghölzer, eine südamerikanische geriffelte Güiro, ein Schüttelrohr und ein Xylophon. Klingt wie knackende Äste, hüpfende Eichhörnchen, stampfende Wildschweine. Alles zusammen ergibt akustisch einen Tag im Wald.

Einige Tage zuvor haben die Schüler das Stück bei einem Kinderkonzert mit dem Deutschen Symphonieorchester aufgeführt. „Wir durften drei Minuten auf der Bühne stehen“, sagt Mert ganz stolz. Er ist heute der Dirigent und zeigt den anderen Kindern mit dem Finger, wann ihr Einsatz kommen muss. Musiklehrer Christoph Riggert geht mit der Klasse noch einmal die Namen der Instrumente durch, dann ist die reguläre Musikstunde vorbei.

Mit Noten und Instrumenten ist an diesem Tag noch lange nicht Schluss an der Humboldthain-Schule, die vor mehr als 30 Jahren zur ersten musikbetonten Grundschule Berlins wurde. Im ausgebauten Dachgeschoss, auf der Musiketage, hört man immer noch Geflöte, Gehupe, Getröte, Getrommel – auch in den Pausen. Drei größere Musiksäle liegen dort auf der einen Seite des Flurs, mehrere kleine Räumen für den Unterricht in kleineren Gruppen, für die Musiklehrer und die Instrumente auf der anderen Seite. Insgesamt elf Musiklehrer haben hier ihr Reich: Zusätzlich zu fünf regulären gibt es sechs Instrumentallehrer und eine Tanzlehrerin.

Von der ersten Klasse an spielt die Musik an der Humboldthain-Grundschule die erste Geige: In der Schulanfangsphase haben die Kinder zusätzlich zum normalen Musikunterricht eine Stunde pro Woche, in der in kleinen Gruppen musiziert, getanzt und gesungen wird. In der zweiten Klasse geht es dann mit dem Instrumentenkarussel los. Die Kinder probieren alle möglichen Instrumente und wählen irgendwann eines, das sie ab der dritten Klasse kostenlos im Unterricht und in Arbeitsgemeinschaften lernen wollen. Ab der vierten spielen sie dann meist im Orchester.

Drittklässler Mike hat sich fürs Tenorhorn entscheiden. Er probt gerade gemeinsam mit vier anderen Blechbläsern im Musiksaal neben den Viertklässlern – parallel zum regulären Musikunterricht der Mitschüler, die sich nicht für ein Instrument begeistern konnten. Insgesamt sind etwa die Hälfte der Kinder „Instrumentalisten“, wie die Lehrer sagen.

Mikes Tenorhorn ist so groß wie sein Selbstbewusstsein und hat einen ziemlich pompösen Klang. Mike werde wahrscheinlich später zur Tuba wechseln, sagt Trompeter Johannes Siedel, der die Stunde gibt, nach dem Unterricht. Gerade „Rabauken“ spielten gern Tuba – das erzählen alle Musiklehrer besonders gern. Und übten sogar freiwillig in den Pausen. In der sechsten Klasse würden viele von ihnen richtig gut.

Auch die anderen Kinder wählen sich oft Instrumente aus, die gut zu ihnen passen: Die drei „Schnatterflöten“ etwa, wie Musiklehrer Wolfgang Schirmer, der sie unterrichtet, die Mädchen nennt. Sie kommen mit ihren kleinen Querflöten gegen Ende der Stunde zu den Blechbläsern hinüber, um mit ihnen gemeinsam zu üben. „So, lasst mal die erste Reihe hören“, sagt Schirmer. Die drei Mädchen können vor lauter Gekicher eine Zeitlang nicht richtig anfangen zu spielen. Dann geht das Kichern in das helle Trällern ihrer Instrumente über.

Neben ihnen sitzen die beiden „Klarinetten“, die so ruhig, aber selbstbewusst wirken wie der Klang ihres Instrumentes. Eine von ihnen ist die achtjährige Jusra. Sie hat die Klarinette ausgewählt, weil „die anderen Instrumente zu einfach sind“. Das Selbstwertgefühl der Instrumentalisten werde durch den Musikunterricht gestärkt, sagt Musikkoordinatorin Susanne Behr. Sie entwickelten sich weiter und lernten, sich zu konzentrieren. Das sei besonders wichtig: Viele der Kinder aus „bildungsferneren“ Familien hätten sonst nicht die Chance, ein Instrument zu lernen. Häufiges Singen sei überdies eine gute Sprachförderung. „Wir arbeiten weiter daran, dass die Musik alle unsere Schüler erreicht“, sagt Behr. Etwa, indem sie beim Malen Musik hören und sie in Form von Bildern wieder ausdrücken. Oder durch Rhythmische Gymnastik im Sportunterricht.

„Bei der Musikbetonung geht es uns vor allem um die Gemeinschaft“, sagt Anita Stöcklein, die Klavier und Geige unterrichtet. „Die Kinder können beim Musizieren in der Gruppe nonverbal erfassen, dass es wichtig ist, an einem Strang zu ziehen.“ Jeder Einzelne werde in diese Richtung gefördert. „Es ist bei uns nicht so, dass ein Schüler allein zum Musikunterricht stapft.“ Ein bisschen Konkurrenz belebt das Geschäft.

In der Praxis läuft das dann so: Der selbstbewusste Mike will nicht neben Görkem sitzen, der mit seiner Posaune ein bisschen lustlos auf dem Stuhl lümmelt. „Görkem hat ein kleines Hirn“, krakeelt Mike frech. „Wir beenden jetzt die Debatte übers Gehirn und beginnen mit einem C“, sagt Johannes Siedel bestimmt. Die gelassene Art des Musikers, der in Orchestern und Bands Trompete spielt, wenn er nicht als Honorarkraft an der Humboldthain-Grundschule unterrichtet, kommt gut an bei den Jungs. Die beiden legen los. Bei Mike schlingert der Ton auf und ab. Görkems C ist klar. „Hey, er war zum ersten Mal besser als ich“, ruft Mike anerkennend. Jetzt gibt sich Görkem richtig Mühe: Beim G kneift er die Augen zusammen, verzieht das Gesicht und bläst mit viel Nachdruck. Es sieht anstrengend aus. Siedel bläst ebenfalls ein G, sieht Görkem dabei auffordernd an und bewegt seine Trompete ihn Richtung des Jungen: ein Gespräch mit Tönen statt mit Worten.

Im Laufe der Stunde werden die Bläser immer besser. Zu Hause üben sie nicht, die wenigsten Eltern haben Geld, um eigene Instrumente zu kaufen oder die schuleigenen zu versichern. Deshalb bleiben die Instrumente in der Schule, damit sie nicht kaputtgehen. Zum Üben gibt es ja die Pausen.

Die zehnjährige Esra allerdings, die bei Anita Stöcklein Geige lernt, nimmt das Instrument manchmal mit heim. Neulich etwa, als sie ein Geburtstagslied für die Schwester spielen wollte. Natürlich mag Esra an der Humboldthain-Schule besonders gern den Musikunterricht. „Aber auch die Frühstücks-AG, wo wir selbst die Brote schmieren. Und das Klettergerüst.“ Dabei gibt es nicht nur eines auf dem großen Schulhof mit den hohen Bäumen: Dort sieht es mit den bunten Rutschen und den vielen Spielgeräten aus wie auf einem besonders spannenden Abenteuerspielplatz. Und auch das Lachen und Rufen, das in der Pause beim Spielen zu hören ist, hat irgendwie Melodie und Rhythmus.

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