Berlin : Mythen und Riten: Brautschuh versteigern

Holger Müller-Hillebrand

"Viele Hochzeitsbräuche werden heute sinnentleert durchgeführt", weiß Dr. Bernd Schmelz vom Hamburger Museum für Völkerkunde. So wissen nur die wenigsten Menschen, was es mit den beliebten roten Bändern an den Brautsträußen auf sich hat (ihre rote Farbe soll die "dunklen Mächte" fernhalten) oder warum die Brautjungfern eigentlich die gleichen Kleider wie die Braut zu tragen haben (dies sollte die bösen Geister verwirren, die die Braut nun nicht mehr finden können). Der Sinn einiger Brauchtümer liegt allerdings auf der Hand - damals wie heute. So haben Rituale wie die Brautentführung oder das Stehlen des Brautschuhs vor allem einen Zweck: Mit dem Lösegeld für die entwendeten "Dinge" sollte dem Brautpaar eine finanzielle Starthilfe gegeben werden. Die Versteigerung des Brautschuhs stellt eine modernere Variante dieser Brauchtümer dar. Zwar wird sie nach Ansicht von Schmelz heute nur noch selten durchgeführt, eine einfache Methode des Geldsammelns ist sie aber allemal - kommt doch bei einer amerikanischen Versteigerung, bei der der Bietende die Differenz zum vorigen Gebot stets sofort einzuzahlen hat, schnell ein hübsches Sümmchen zusammen. Voraussetzung ist natürlich, dass der Bräutigam den Schuh zum Schluss selbst ersteigert - doch dies ist der Tradition gemäß ohnehin sein gutes Recht. Der Erlös ist, diesem Brauch nach, übrigens hauptsächlich für die Frau bestimmt - als erstes Haushaltsgeld. Dass es sich bei dem zu versteigernden Gegenstand gerade um den Brautschuh handelt, kommt nicht von ungefähr. Schon seit Jahrhunderten gelten die Füße als ein hoch erotisches Sinnbild der Fruchtbarkeit und des Liebesglücks. Als Symbol dafür wiederum stehen die Schuhe, um die sich zahlreiche Brauchtümer ranken. So soll es Glück bringen, wenn die Braut sie nach der Trauung wegwirft. Ein anderer Brauch besagt, dass ein am Hochzeitstags im Schuh platziertes Geldstück verhindert, dass die Ehe durch finanzielle Sorgen belastet wird. Böse Zungen behaupten, dass das Ritual der Schuh-Versteigerung aufgekommen sei, weil die Brautentführung - welche denselben Sinn und Zweck hat - mancherorts allzu feucht-fröhlich abgelaufen sei.

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