Berlin : Nach 53 Jahren wird es wieder höchste Eisenbahn

Die erneuerte Strecke von Priesterweg über Lichterfelde nach Ludwigsfelde geht in Betrieb

Klaus Kurpjuweit

Die einen freut’s, die anderen leiden. In wenigen Tagen fahren die ersten Züge über die Anhalter Bahn durch Lichterfelde, die in den vergangenen fünf Jahren wiederaufgebaut worden ist. Rund 200 Millionen Euro hat der etwa 20 Kilometer lange Abschnitt von Priesterweg bis Ludwigsfelde im Süden Berlins gekostet. Über diese Strecke werden von Ende Mai 2006 an die Züge zum Nord-Süd-Tunnel und dem neuen Hauptbahnhof rollen.

Zunächst aber wird gefilmt. Damit die Lokomotivführer die neue alte Strecke kennen lernen können, lässt die Bahn die Anlage aus dem Führerstand eines Zuges heraus filmen. Die Aufnahmen werden dann in einen Simulator eingespeist, an dem die Lokführer die Strecke „erfahren“ können. Nur wer die Gleisabschnitte mit ihren Signalen und Besonderheiten kennt, darf später hier seinen Zug steuern. Streckenkenntnisse sind bei der Bahn für alle Lokführer vorgeschrieben.

Im Januar beginnen dann die Testfahrten für die Abnahme der neuen Strecke. Durch die Stadt dürfen die Züge mit 160 km/h fahren, in Brandenburg ist Tempo 200 vorgesehen. Dann wird sich zeigen, ob die Vorkehrungen ausreichen, um die Anwohner vor dem Krach der Züge zu schützen. Jahrelang hatte eine Bürgerinitiative in Lichterfelde für einen umfassenden Lärmschutz gekämpft. Doch die Bahn ließ nur dort Anlagen errichten, wo es gesetzlich zwingend vorgeschrieben war. Nur in einem geringen Umfang musste sie nach einer Klage aufgrund einer Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts nachbessern. Die Wände sind maximal vier Meter hoch.

Rechtlich sind die neuen Gleise als Wiederaufbau einer bestehenden Anlage eingestuft. Und dafür gelten nicht so strenge Richtlinien wie bei einem völligen Neubau. Denn die Anhalter Bahn ist die zweitälteste Strecke in Berlin. Bereits 1841 fuhr dort der erste Zug durch den Süden Berlins – zunächst nach Dessau und Köthen im damaligen Fürstentum Anhalt. Rasch wurde die Strecke zu einer wichtigen Magistrale – mit dem 1880 eröffneten pompösen Anhalter Bahnhof als Endpunkt in Berlin. Der Vorgängerbau war schnell zu klein geworden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg blieben wenige Reisezüge aus Richtung Wittenberg/Halle übrig. 1952 war auch damit Schluss, denn die DDR-Reichsbahn legte nach dem Krieg alle Fernverkehrsstrecken zu den Kopfbahnhöfen im Westteil der Stadt still. Bis 1989 die Wende kam – und mit ihr auch die Renaissance der Eisenbahn.

Die neuen Gleise für den Fern-und Regionalverkehr liegen neben den Anlagen der S-Bahn. Für den Regionalverkehr ist in Lichterfelde Ost eine Umsteigestation entstanden. Fast im Minutentakt werden hier in Zukunft Züge fahren. Denn bis zum geplanten Wiederaufbau der Dresdner Bahn durch Lichtenrade soll die Anhalter Bahn auch den Verkehr aus der Richtung Prag/Dresden aufnehmen. Und wenn der Wiederaufbau der Dresdner Bahn länger auf sich warten ließe, würden eines Tages auch die Züge zum Flughafen Berlin-Brandenburg International (BBI) bei Schönefeld fahren, wenn der Flughafen ausgebaut werden sollte.

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