• Nach Antisemitismus in Friedenau : Mobbing an der Schule muss direkte Konsequenzen haben

Nach Antisemitismus in Friedenau : Mobbing an der Schule muss direkte Konsequenzen haben

Die Konflikte der globalisierten Gesellschaft machen am Schultor nicht Halt. Da helfen nur klare Regeln fürs Zusammenleben. Ein Gastbeitrag.

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Mobbing war immer ein Problem in der Schule. Neuerdings kommt aber eine politische Dimension hinzu.
Mobbing war immer ein Problem in der Schule. Neuerdings kommt aber eine politische Dimension hinzu.Foto: dpa

Die öffentliche Debatte über antisemitische Angriffe gegen einen Schüler der Gemeinschaftsschule Friedenau hat uns eines wieder scharf vor Augen geführt: Die Konflikte in einer pluralen Gesellschaft machen vor dem Schultor nicht Halt. Wir müssen Schulen in die Lage versetzen, damit umzugehen.

Klar ist: Wenn Kinder in Schulen drangsaliert werden, dann müssen Schulen reagieren, und zwar sofort. Das gilt für antisemitische Übergriffe genauso wie für jeden anderen Fall von Mobbing und Diskriminierung. Aber häufig fällt eine solche prompte Reaktion aus. Das Besondere an dem Fall Friedenau ist, dass die Eltern des Schülers eine intensive öffentliche Auseinandersetzung erwirkt haben. Sie dringen darauf, dass sich in der Schule insgesamt etwas ändert, damit Kinder ohne Angst vor Diskriminierung zur Schule gehen und in der Schule für ihr Leben lernen können. Insbesondere Respekt und Würde.

Auch Erdogan schafft Spannungen

Es ist also an der Zeit, den Blick auf das System Schule zu richten. Denn leider ist überall möglich, was in Friedenau geschah. Schule war nie heile Welt, Mobbing und Gewalt gab es immer schon. In einer globalisierten Welt kommen jedoch politische Konflikte, gesellschaftliche und staatliche Ideologien aus anderen Ländern und das, was Medien und Eltern daraus machen, unweigerlich mit den Kindern auch in die Schulen. Diskriminierung und Aggression nimmt nicht nur gegenüber Juden zu. Als Folge von Erdogans Politik in der Türkei gibt es beispielsweise auch innerhalb der türkisch-stämmigen Community in Deutschland immer mehr Spannungen, und auch das kommt auf dem Schulhof an.

Im ersten Halbjahr des laufenden Schuljahres wurden 430 Fälle schwerer körperlicher Gewalt an Berliner Schulen gemeldet. Auch Beleidigung, Mobbing und ähnliche „minder schwere Fälle“ häufen sich: über 1000 Fälle hat die Bildungsverwaltung im ersten Halbjahr registriert. In der jüdischen Gemeinde gehen regelmäßig Berichte über antisemitische Vorfälle an Schulen ein. Nicht immer, aber häufig sind die Täter muslimische Jugendliche. Die Sorge wächst, dass wir als Gesellschaft keine Antwort auf diese Herausforderung haben.

Foto: picture alliance / dpa

Die Autorinnen.

Bettina Jarasch (oben) sitzt für die Grünen im Abgeordetenhaus, ihre Parteifreundin Renate Künast (unten) ist Bundestagsabgeordnete. 

Hilfe von oben

Doch so komplex die Weltlage auch sein mag, die Antwort ist schlicht und klar: Schulen funktionieren genau wie unsere Gesellschaft nur mit klaren Regeln, die für alle gelten und die konsequent durchgesetzt werden. Zu diesen Regeln gehört: Diskriminierung dulden wir nicht. Nirgends.

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Wir haben in den letzten Wochen Gespräche mit allen Seiten geführt. Was haben wir aus dem Fall an einer Schule in Friedenau gelernt? Entscheidend ist die prompte Intervention: Wenn es zu Diskriminierung und Mobbing kommt, muss das unmittelbar Konsequenzen haben. Es gibt Fälle, für die brauchen Schulleitungen dringend Unterstützung. Dafür müssen wir Strukturen stärken und eine Interventionskette aufbauen, die in die Bildungsverwaltung reicht.

Langfristig muss es Strategien zur Prävention und Bewusstseinsbildung geben. Dafür gibt es bereits viele gute Ansätze. Das beginnt bei der Schulkultur und einer Hausordnung, auf die sich alle in der Schule verständigen, hat mit der Aus- und Fortbildung sowie Sensibilisierung von Lehrkräften zu tun, mit Elternarbeit und kann externe Akteure und Projekte einbinden. Aber im aktuellen Fall helfen keine Projekte, sondern zuverlässig schnelle personelle Unterstützung beim Krisenmanagement. Die muss von oben kommen. Damit Überforderung nicht dazu führt, dass Opfer nicht ausreichend geschützt werden. Das Zusammenleben in einer pluralen Gesellschaft braucht Regeln, die konsequent und von allen eingehalten werden. Das gilt auch für den Umgang miteinander auf Schulhöfen und in Klassenzimmern.

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