Berlin : Nach dem Orkan kommen die Pilze

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Von Jörn Hasselmann

Zu den 2500 Bäumen, die am Mittwoch dem Orkan zum Opfer fielen, wird nach Einschätzung von Experten eine hohe Zahl hinzukommen. Denn sehr viele Bäume wurden derart geschädigt, dass sie gefällt werden müssen. Die bezirklichen Grünflächenämter kontrollieren jetzt die gut 400 000 Straßenbäume. Auf Privatgrundstücken ist dafür der Eigentümer verantwortlich, sagte der Baumexperte des Pflanzenschutzamtes, Hartmut Balder. Mit dem Fernglas oder der Leiter sollten Gartenbesitzer jetzt vor allem die Kronen auf Bruchstellen, angebrochene Äste und Risse im Stamm kontrollieren. „Angebrochene Äste können noch heute oder erst in Jahren runterfallen“, sagte Balder – der Eigentümer ist für daraus resultierende Unfälle verantwortlich. Ist ein Schaden zu erkennen, muss der Baum fachgerecht behandelt werden. Wenn Teile der Krone rausgebrochen sind, kann der Baum in der Statik gefährdet sein, warnte der stellvertretende Leiter des Pflanzenschutzamtes: Dann muss die Krone zurückgeschnitten oder gesichert werden, im schlimmsten Fall muss der Baum gefällt werden. Fachfirmen findet man in den Gelben Seiten. Ist die Standsicherheit gefährdet oder hängen Äste sichtbar herab, sollte man den Bereich als erste Notmaßnahme sperren – so wie viele Bezirke derzeit ihre Parks gesperrt haben. Ein Zeichen für eine Bruchstelle sei auch, wenn in einigen Tagen ein Ast welk wird, sagte Balder.

Auf jeden Fall wird dieser Juli-Orkan noch in Jahren weitere Schäden nach sich ziehen. Denn in viele der jetzt gerissenen Wunden werden Pilze eindringen – und den Baum faulen lassen – und so seine Standsicherheit langfristig verringern.

Ein Teil der jetzt vom Sturm zerstörten Bäume war schon durch Fäulnis vorgeschädigt, ohne dass dies von außen erkennbar war – eine Folge von falschem Schnitt in früheren Jahren. Auch beim Pflanzen wurden lange Zeit Fehler gemacht. Die Folge: Bäume entwickelten entweder kaum Wurzeln oder nur an der Oberfläche. „Wurzeln müssen in die Tiefe wachsen können, damit der Baum standfest ist“, sagte Balder. In den Nachkriegsjahrzehnten habe man den Straßenbäumen auch durch undichte Gasrohre, Streusalz und zugepflasterte Baumscheiben zugesetzt; zudem wurden ungeeignete Arten gepflanzt, die nicht ideal zum Berliner Boden passen. Laut Statistik sind 36 Prozent der Straßenbäume Linden, 18 Prozent Ahorn und 9 Prozent Eiche.

Die Wissenschaft sei all diesen Faktoren einer Schädigung von Straßenbäumen erst in den 90er Jahren auf die Spur gekommen, sagte Balder – nachdem in den 80ern das Hauptaugenmerk auf die Waldschäden gerichtet war. „Einen Vorwurf können wir unseren Vorfahren nicht machen, wir wissen es heute einfach besser“, sagte der Experte.

Wer heute einen Baum pflanzt, sollte eine große Grube mit geeignetem Substrat füllen und vor allem in den ersten Jahren die Krone fachgerecht beschneiden: „Dann hat man später seine Ruhe.“

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