• Nach der Loveparade 2000: Red Bull zum Frühstück: Für die härtesten Raver war am Sonntagmorgen erst Halbzeit

Berlin : Nach der Loveparade 2000: Red Bull zum Frühstück: Für die härtesten Raver war am Sonntagmorgen erst Halbzeit

Helen Ruwald

Müll-Aufklauber und Kehrmaschinen sind ahnungslos, absolut ahnungslos. Sie fallen über Glasscherben und Bierdosen her und tun so, als sei alles vorbei. Nur weil die Love Parade am Sonnabend stattgefunden hat und inzwischen Sonntag ist. Dabei ist doch erst Halbzeit. Halbzeit! Nach wie vor wird gequetscht, immerhin bewegen die Raver sich jetzt gehend vorwärts und nicht mehr tanzend - die Blaue-Fleck-Gefahr durch versehentliche Ellenbogenstöße ist gebannt.

"Ich fühle mich topfit", sagt Dennis Engelhard, der sich am Mittag mit einer Schachtel Marlboro in der Hand zum Schlupfloch durchkämpft, dem Eingang zum "Tresor" in der Leipziger Straße. Rund 20 Stunden hat der 20-Jährige schon gefeiert, und so lang will er noch einmal durchhalten. Mit fünf Kumpels ist er im Campingbus aus Lengerich, einem Städtchen zwischen Münster und Osnabrück, nach Berlin gefahren. Zuerst war Dennis natürlich mitten im Pulk, gegen 22 Uhr ging es weiter zum Flughafen Tempelhof, "zum Electronic oder so". So einen Club gibt es zwar nicht, aber Hauptsache gut amüsiert, egal wo. "Um neun Uhr früh sind wir von dort zum Tresor gefahren. Heute Abend wollen wir ins Casino", erzählt Dennis. In dem Techno-Club in Prenzlauer Berg wollen sie die Nacht durchmachen. Zum Schlafen ist die Zeit viel zu schade. Außerdem hat er ja vorgesorgt: "Ich habe mir extra eine Woche Urlaub genommen."

Manch andere hängen lethargisch in ihren Autos, Dennis hat nicht einmal Augenringe. Es ist seine vierte Love Parade, er ist gewieft. Bevor die Clique sich ins Gewühl gestürzt hat, hat sie sich mit im Campingbus aufgewärmten Ravioli gestärkt. Statt Bierdosen hat Dennis Multivitaminsaft eingepackt und sich zum Sonntagsfrühstück Red Bull genehmigt. Schlappmachen darf er schon deshalb nicht, weil das Feiern danach besser ist als die Love Parade an sich. "Sie wird von Jahr zu Jahr schlechter, es wird einfach zu voll. Einmal sind wir rauf, als es geregnet hat", erinnert er sich wehmütig. Da war Platz, aber diesmal hat der gemeine Wettergott einfach keinen Regenschauer geschickt. "Nächstes Jahr komme ich erst später", hat der Blauschopf beschlossen, das Gehüpfe auf der Straße ist nicht so wichtig. Die richtigen Leute lernt man ohnehin in den Clubs kennen - eingekeilt zwischen Hunderten geht das besser als zwischen Hunderttausenden.

Lengerich hört sich zwar nach Provinznest an, aber wie Klein-Doofi kommt sich Dennis im Berliner Nachtleben nicht vor. Nicht nur die Hauptstadt hat geile Clubs, sondern auch Münster, darauf legt er Wert. Natürlich hat er das richtige Outfit für die Raver-Party im Schrank. Eigentlich jedenfalls. Weil "meine Hose kaputt ist", wühlte er diesmal in den Klamotten von der Schwester eines Kumpels. Ein super-weites, silbernes Etwas war Love-Parade-würdig. Dafür durfte die Kumpel-Schwester dann auch mit nach Berlin fahren und selbst gucken, wie sich ihre Hose an Männerbeinen unter der Siegessäule macht. Extra blau gefärbt hat sich Dennis seine Haare. Wenn schon, denn schon. Umfärbepläne für das Provinzleben hat er nicht. "Mein Chef hat gesagt, wenn ich mich traue, so durch Lengerich zu laufen, ist das o.k."

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