Nach langer Krankheit : Kardinal Georg Sterzinsky gestorben

Er hatte sich gequält, monatelang. Zwischenzeitlich gab es die vage Hoffnung, dass sich sein Gesundheitszustand noch einmal bessern würde. Doch am Donnerstagmorgen kam die Nachricht: der frühere Berliner Erzbischof, Kardinal Georg Sterzinsky ist tot.

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Der Berliner Alt-Erzbischof Kardinal Georg Sterzinsky ist nach langer Krankheit im Alter von 75 Jahren gestorben. Foto: dpaWeitere Bilder anzeigen
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30.06.2011 12:17Der Berliner Alt-Erzbischof Kardinal Georg Sterzinsky ist nach langer Krankheit im Alter von 75 Jahren gestorben.

Seit Monaten hatten Pfarrer, Mitarbeiter in den Gemeinden und Katholiken überall in Berlin für ihren Kardinal gebetet. Die Sorge war groß. Bei einem Empfang zu seinen Ehren vor einigen Wochen war sie greifbar. Man hatte die Häppchen von der Folie befreit und Wein und Sekt bereit gestellt. Aber dann machte sich an diesem Abend auf einmal die große Unsicherheit breit in den hellen Räumen des Kathedralforums hinter der Hedwigs-Kathedrale in Berlins Mitte. Ist das hier nicht alles total schräg? Dürfen wir hier trinken, essen und fröhlich sein, wenn gleichzeitig der Erzbischof im Sterben liegt? Sie wollten ihm ein Buch überreichen zu seinem 75. Geburtstag. „Erzbistum Berlin: Gesichter und Geschichten“ heißt das Buch. Es enthält Porträts, Interviews und Berichte über und mit Pfarrern und engagierten Berliner Katholiken. Eine Art „bunter Blumenstrauß“ sollte es sein, eine Überraschung.

Der Kardinal hatte die Monate und die Tage gezählt bis zu seinem 75. Geburtstag. Der 9. Februar 2011 sollte den Beginn eines neuen Lebensabschnittes markieren, einen ohne die Last des Amtes. Im Herbst hatte er nach Rom geschrieben und sein Amt zur Verfügung gestellt. Andere Kardinäle machen dies vor ihrem 75. Geburtstag pro forma, 75 ist kein Alter, in dem Kardinäle an den Ruhestand denken. Doch Sterzinsky meinte es ernst. Er wollte nicht mehr, das Amt war ihm nur noch Last. Doch er verbrachte den Geburtstag im Krankenhaus, auch damals schon vom Tod gezeichnet. Seit Jahren war er schwer zuckerkrank gewesen, und das Laufen war ihm zunehmend schwer gefallen. Im vergangenen Jahr hatte er Messen oft nur noch im Sitzen zelebriert. Dann hatte sich auch noch im Magen Krebs festgesetzt. Ende Januar wurde Sterzinsky zwei Mal operiert. Doch sein Zustand wollte sich nicht mehr bessern, so dass sich die Ärzte gezwungen sahen, ihn in ein künstliches Koma zu versetzen.

Offiziell mochte darüber niemand sprechen. Und so biss sich Stefan Förner, der Sprecher des Erzbistums an jenem Abend im Kathedralforum auch immer wieder nervös auf die Lippen. Was sollte er sagen? „Es war immer schwerer als ich erwartete“, hatte der Kardinal in einem Interview für das Blumenstrauß-Buch gesagt. „Aber die Gnade war auch immer größer.“ Als die Lesungen aus dem Buch zu Ende waren, Schnittchen und Wein warteten und sich überall im Raum eine verhaltene, unsichere Stimmung ausbreitete, nahm Stefan Förner den Kardinal bei seinen Worten und sagte: „Ich wünsche ihm diese Gnade auch in dieser Stunde – und denke, dass wir uns trotzdem über das Buch freuen können.“ Das Buffet war eröffnet. Und während die Gäste noch ein paar Stunden bei Wein und Speisen beisammenstanden, fehlte der Kardinal und war doch anwesend – in den Gesprächen.

Die Journalistin von der Kirchenzeitung erzählte von einem Interview mit dem Kardinal und wie erschüttert sie gewesen sei. Auf die Frage, wer als Kind seine Bezugsperson gewesen sei, wer ihn in den Arm genommen und lieb gehabt habe, sei ihm keine Antwort eingefallen. Die Mutter? Sie starb, als er elf Jahre alt war. Nach langem Überlegen habe er sich an eine Lehrerin erinnert und an einen Jesuitenpater, bei dem er Ministrant war und der ihn mochte, einfach so, ohne Bedingung, auch wenn er mal wieder ausrastete.

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