Berlin : Nach Mallorca für die Knochen

Warum tut Wärme gut, wenn Gelenke und Muskeln wehtun? Und lebt es sich mit Arthrose im Süden besser? Der Fall einer Patientin, die ausgewandert ist – gegen den Schmerz

Sebastian Leber

Wenn es der Insel gutgeht, geht es ihr selbst schlecht, sagt Birgit Kalkofen. Dann regnet es nämlich. Die Pflanzen brauchen das Wasser, und die Stauseen in den Bergen auch. Aber bei Birgit Kalkofen schmerzen die Gelenke. Das könnte sie auch zu Hause in Deutschland haben.

Kalkofen hat Arthrose. Eine Volkskrankheit. Jeder zweite Deutsche zwischen 40 und 50 leidet daran. Mit 60 kennt fast jeder das Gefühl: Die Gelenke steif, und die kleinste Bewegung tut weh. Bei starker Arthrose müssen Betroffene ihr Leben umstellen. Ihre Hobbys aufgeben, manchmal ihre Arbeit. Manche suchen sich danach ihren Wohnort aus.

Birgit Kalkofen lebt seit 13 Jahren auf Mallorca. Im Osten Palmas, in der Nähe des Flughafens. Sie hat zwei Hunde. Freunde, deutsche, spanische. Und ihren Arzt. Der kennt sich aus mit Deutschen, die auf die Insel ziehen, weil sie sich vom Klima Schmerzlinderung erhoffen.

140 Gelenke hat der menschliche Körper. An jedem kann man Arthrose bekommen. Am häufigsten sind Knie, Hüfte oder Finger betroffen. Bei Birgit Kalkofen sind es die Knie plus Halswirbelsäule und Lendenwirbelsäule. Früher hat sie in der Tourismusbranche gearbeitet, so kam sie nach Mallorca. Heute ist sie arbeitsunfähig und schwerbehindert. Kalkofen ist 54.

Arthrose ist eine Abnutzungserscheinung. Zuerst bildet sich der Knorpel an den Rändern der Knochen zurück – die Schutzschicht, die verhindern soll, dass die Knochen des Gelenks ungedämpft gegeneinanderreiben. Knorpel sieht unter dem Mikroskop wie ein Schwamm aus. Ein Gerüst aus bogenförmigen Fasern, die Zwischenräume sind mit Flüssigkeit gefüllt. Die Knorpelmatrix, so heißt die Masse, ist elastisch, so kann der Druck auf den Knorpel verteilt werden.

Dass Knorpel degeneriert, kann unterschiedliche Gründe haben. Vererbung ist selten schuld. Der häufigste Grund ist Überbelastung, durch einseitigen Sport etwa oder durch Fehlstellung zweier Knochen. Die Knorpelfasern reißen und können nicht ausreichend ersetzt werden. Im Knorpel gibt es keine Nervenzellen, aber im Knochen schon. Wenn die ungeschützt aufeinanderreiben, tut es weh. Aber auch Muskeln und Gelenkinnenhaut können dann schmerzen. Und: Der Schmerz kann über den ganzen Körper strahlen.

Dass hohe Temperaturen und Trockenheit Schmerzen lindern, ist empirisch belegt, aber kaum erforscht. Und kaum erforschbar, sagt Gerd-Rüdiger Burmester, Direktor der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Rheumatologie an der Charité. Weil die für wissenschaftliche Untersuchungen nötigen Blindtests nicht durchführbar sind – der Patient weiß schließlich, wo er sich befindet. Burmester ist Gründungsmitglied der Initiative „Stark gegen den Schmerz“, einem Zusammenschluss von Ärzten, der Öffentlichkeit für diese Krankheit schaffen will. Dafür lud er auf eine Fachtagung nach Mallorca. Thema: „Flucht in den Süden“.

Burmesters Erklärung für die Wetterfühligkeit der Arthrose-Patienten: Schlecht ineinandergreifende Gelenke versucht der Körper automatisch durch mehr Muskelspannung auszugleichen. Das führt zu schmerzhaften Verspannungen. Und Wärmezufuhr entspannt den Muskel. So gesehen verstärkt Kälte nicht die Gelenkschmerzen – Wärme verringert sie nur. Eine andere Hypothese zur Wetterfühligkeit lautet: Bei Kälte sinkt auch die Temperatur in den Gelenken, die Gelenkflüssigkeit wird dicker und weniger elastisch. Der verbliebene Knorpel kann den Druck auf die Knochen also noch weniger abfangen.

Laut einer US-Studie sind 80 Prozent aller Patienten mit Gelenkschmerzen wetterfühlig. Aber gerade den Einfluss der Luftfeuchtigkeit auf den Schmerz können sich Rheumatologen nicht erklären. Eine Theorie besagt, dass Luftfeuchtigkeit mit niedrigem Luftdruck einhergeht und das wiederum die Durchblutung verringert. Burmester hält das nicht für wahrscheinlich. Trotzdem hat er im Laufe der Jahre viele Patienten erlebt, die Berlin dauerhaft verlassen haben und nach Fuerteventura oder Lanzarote gezogen sind.

Warmes Klima hat noch einen weiteren Vorteil: Man geht vor die Tür. Auf den ersten Blick scheint es widersprüchlich, aber wer arthrosegeschädigte Gelenke hat, muss sich dringend bewegen. Die Chondrozyten-Zellen, die für die Produktion des Knorpelgewebes zuständig sind, werden nämlich nicht über den Blutkreislauf mit Nährstoffen versorgt, sondern über Gelenkflüssigkeit, die Synovia. Und die zirkuliert nicht, sondern wird durch Bewegung der Gelenke und den entstehenden Über- oder Unterdruck zu den Chondrozyten gepresst oder gesogen.

Die Bewegung soll möglichst belastungsarm sein, ohne Stöße auf die Gelenke. Also kein Tennis, kein Laufen. Nordic Walking geht. Beim Spazierengehen soll man sich Strecken ohne Steigungen suchen. Kalkofen spaziert täglich eine Runde mit ihren Hunden. An guten Tagen hält sie das 30 Minuten aus, an schlechten die Hälfte. Abends steigt sie auf den Heimtrainer im Wohnzimmer. Und fährt auf der untersten Stufe, ohne Widerstand. Wenn sie absteigt, zittern ihre Knie. Würde sie das morgens machen, wäre der Tag gelaufen.

Medikamente können die Schmerzen lindern. Und den Abbau des Knochens verlangsamen. Also nimmt Kalkofen täglich einen ganzen Cocktail; ihre deutsche Krankenkasse zahlt. Grundsätzlich gilt: Arthrose-Patienten können sich in Ländern behandeln lassen, die mit Deutschland ein Sozialversicherungsabkommen geschlossen haben, was auf alle EU-Staaten zutrifft. Birgit Kalkofen nimmt Voltaren und Myolastan gegen die Schmerzen, Condro-San und Hespercorbin für den Knorpelaufbau. Sind die Schmerzen heftig, kommt Novalgin dazu. Im letzten Frühjahr hatte sie ein Geschwür in der Speiseröhre, das kam von den vielen Medikamenten. Seitdem nimmt sie täglich noch 20 Milligramm Omeprazol, für Magen und Speiseröhre.

Wenn sich der Knorpel vollständig rückgebildet hat, kann es zu Deformierungen der Knochen kommen. Die Oberfläche verbreitert sich. Gleichzeitig stoßen die Knochen noch leichter aneinander. Manchmal hilft da nur noch eine Operation. Kalkofens Arzt in Palma setzt pro Jahr 30 Deutschen künstliche Hüftgelenke ein.

Würde Birgit Kalkofen dauerhaft in Deutschland leben, könnte sie vor Schmerzen kaum vor die Tür, sagt sie. Auf Mallorca hat sie mehr Freiheiten. Und das Meer ist wunderschön. Das sieht sie allerdings nur von der Promenade aus. Über den Strand kann sie nicht laufen. Es tut zu sehr weh, wenn der weiche Sand unter ihren Füßen nachgibt.

NEUE STUDIEN

Die Abteilung „Neue Therapien“ der Rheumatologie an der Charité nimmt Patienten mit chronischen Gelenkschmerzen in Studien auf. Mehr Infos gibt’s unter Telefon 450 51 31 33.

SPRECHSTUNDEN

Das Helios-Klinikum in Buch vergibt

Termine unter Telefon 94 01 63 90.

Die Anlaufstellen der Vivantes-Kliniken erreicht man unter 79 03 23 91 (Schöneberg) und 42 21 13 06 (Friedrichshain).

SELBSTHILFE

An jedem zweiten Sonntag im Monat trifft sich eine Selbsthilfegruppe in der Perleberger Str. 44, Telefon 394 63 64.

WEITERE ADRESSEN

Die Initiative „Stark gegen den Schmerz“ berät unter 0800/738 98 90 über Behandlungsmöglichkeiten und verschickt kostenloses Infomaterial . Mehr auch unter www.stark-gegen-schmerz.de.

Die Deutsche Rheuma-Liga Berlin bietet Broschüren, Kurse und Beratung , erreichbar ist sie unter 805 51 13.

Die Deutsche Arthrose-Hilfe (06831- 94 66 77, www.arthrose.de) verschickt regelmäßig „Arthrose-Info“ per Post .

Eine Auflistung und Beschreibung von Therapiearten findet man unter www.arthrose-therapie-verzeichnis.de. sel

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