Berlin : Nach München geht es weiterhin nur im Schneckentempo

KLAUS KURPJUWEIT

In nicht einmal vier Stunden mit der Bahn von Berlin nach München - daraus wird nichts, nachdem Bundesverkehrsminister Franz Müntefering (SPD) entschieden hat, den Bau der neuen Strecke durch den Thüringer Wald zu stoppen. Nur mit ihr hätte sich die Reisezeit von derzeit 6.19 Stunden mit dem ICE und sogar 7.30 Stunden mit dem Intercity drastisch verringern können. Etwas schneller wird die Bahn aber durch den Einsatz ihres neuen Neigezuges, der von 2000 an auch zwischen Berlin und München fahren soll.Die Neubaustrecke durch den Thüringer Wald von Erfurt nach Ebensfeld in Bayern gehörte zu den insgesamt 17 Verkehrsprojekten Deutsche Einheit, die 1990 beschlossen worden waren. Von den neun Bahnbauten sind die meisten bereits abgeschlossen. Dazu gehören die Verbindungen Berlin-Hamburg, Berlin-Helmstedt/Braunschweig und Berlin-Hannover. Die Thüringer-Wald-Strecke ist das erste Projekt, das aufs Abstellgleis kommt.Der verkehrspolitische Sprecher der CDU, Alexander Kaczmarek, bezeichnete den Beschluß gestern als "Armutszeugnis für die rot-grüne Bahnpolitik". Er schade vor allem den ostdeutschen Wirtschaftsräumen. Die Neubaustrecke gehörte zum Gesamtkonzept für den Ausbau des Schienenweges zwischen Berlin und München. Damit sollte "eine leistungsfähige, moderne, schnelle Verbindung zwischen Süddeutschland, Thüringen, Sachsen-Anhalt, Sachsen und dem Raum Berlin geschaffen werden, die auch Bestandteil des entstehenden europäischen Hochgeschwindigkeitsnetzes ist", warb damals das Bundesverkehrsministerium.Für den Verkehrsexperten der Grünen, Michael Cramer, ist mit dem Baustopp dagegen nur "ein Luftschloß wie eine Seifenblase zerplatzt". Es sei besser, die Länder flächendeckend mit der Bahn zu erschließen, statt eine 45 Kilometer lange U-Bahn durch den Thüringer Wald zu bauen. Auch IHK-Sprecher Egbert Steinke zeigte Verständnis für den Baustopp, wenngleich er ihn bedauerte.Die Bahn selbst stand dem Neubauabschnitt von Anfang an skeptisch gegenüber. Betriebswirtschaftlich blieb die Strecke mit ihren vielen Tunneln in den roten Zahlen stecken. "Der Bau war zuerst politisch gewollt, jetzt wurde er von der Politik gestoppt", hieß es bei der Bahn. Bei Reisezeiten um vier Stunden und mehr sei das Flugzeug einfach schneller.Etwas Tempo macht die Bahn immerhin vom nächsten Jahr an. Dann sind die Ausbauarbeiten an der vorhandenen Strecke Berlin-Leipzig beendet, und die Bahn kann zudem den neuen Neigezug ICE-T einsetzen, der schneller durch die Kurven fahren kann. Die Fahrzeit soll sich dann nach Angaben von Bahnsprecher Reiner Latsch zunächst um 30 Minuten verkürzen. Sind auch die weiteren Anpassungsarbeiten beendet, was 2002/2003 erwartet werde, verkürze sich die Reisezeit noch einmal um 30 Minuten.Damit wird die direkte Verbindung Berlin-München über Saalfeld mit einer Reisezeit von sechseinhalb Stunden immer noch langsamer sein als die Fahrt mit dem ICE über Göttingen, wo man sogar umsteigen muß.

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