Nachruf auf Aline M. (Geb. 1976) : „Das ist mir zu krass“

Soll sie die Geschichte erzählen, die Geschichte ihrer Tochter? Es geht um Angst, Missbrauch. Und um die verzweifelte Liebe der Mutter zu ihrem Kind, das sich immer weiter entfernt, bis in den Tod.

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Manchmal, nachts, fuhr sie zum Haus der Tochter, guckte, ob Licht war, und traute sich nicht zu klingeln Foto: Photocase/Zettberlin
Manchmal, nachts, fuhr sie zum Haus der Tochter, guckte, ob Licht war, und traute sich nicht zu klingelnFoto: Photocase/Zettberlin

Nachbarn haben die Polizei gerufen. Aus der Wohnung im vierten Stock drang wieder Lärm, der brüllende Mann, die wimmernde Frau, Gepolter. Die Polizei dringt in die Wohnung ein, legt dem Mann Handschellen an, die Frau rennt auf den Balkon. Eine Polizistin folgt ihr, die Frau klettert auf die Balustrade. Die Polizistin ruft: „Kommen Sie zurück! Es wird alles gut.“

„Nichts wird wieder gut“, sagt die Frau. Und springt.

Wir nennen sie Aline. Dass hier nicht ihr wirklicher Name steht, liegt unter anderem daran, dass sie selbst sich einen solchen Nachruf kaum gewünscht hätte. Es geht um Verdrängtes, nicht Benanntes.

Auskunft gibt die Mutter von Aline. Sie hat lange gezögert, hatte immer wieder Zweifel, ob sie die Geschichte in die Welt geben soll, die ganze Geschichte. Wen geht das überhaupt was an? Aber es gibt so viele Geschichten, die nie erzählt werden, und die deshalb immer weiter ihre dunkle, böse Kraft entfalten.

Die Erzählung setzt früh ein. Sie, die Mutter, ist noch ein Mädchen, das ungeliebt und ohne Vater aufwächst, das sich, auch als es größer wird, klein fühlt. Die Studienzeit und erste Liebe erlebt sie als Befreiung: Ich bin gemeint, ich spiele eine Rolle. Die Rolle, die sie bald in ihrer Ehe spielt, ist aber keine freie, selbstbestimmte. Ihr Mann, ein ambitionierter Psychologe, gut aussehend, Überflieger, spielt seine Spiele mit ihr, erniedrigende, Angst machende Psychospiele. Ist das hier ihr Leben oder ist sie nur eine Marionette in seinem? Sie müsste sich trennen von ihm und getraut es sich nicht. Sie bekommt ein Kind, Aline.

Die Mutter traut der Polizei nicht

Irgendwann, Aline ist vier, fünf Jahre alt, beginnt der Vater mit ganz anderen Spielen, weitaus schlimmeren. Er spielt sie mit der Tochter und rechtfertigt sie zeitgemäß: „Nieder mit dem Inzest-Tabu!“ Die Mutter ahnt es, spricht mit ihm: Tust du so etwas? Als sie es sicher weiß, schlägt sie auf ihn ein, er schlägt zurück. Eine Bekannte, die ahnt, was da vorgeht, zeigt ihn an. Die Mutter soll zur Polizei und gegen ihren Mann aussagen. Sie geht nicht hin. Sie wagt es nicht, ihn zu verraten. Sie traut auch der Polizei nicht. Sie engagiert ein Kindermädchen für die Zeit, in der sie arbeitet. Damit nur der Vater nicht allein mit seiner Tochter ist.

Sie weiß nicht, wie sie ihn loswerden kann. Die Trennungsangst ist eine Angst vor ihm und eine Angst um ihn. Er ist so unberechenbar, und am Ende, wenn etwas Schlimmes passieren sollte, wäre sie schuld. So sagt er es ihr, so glaubt sie es ihm.

Als sie schließlich doch die Scheidung einreicht, beginnt ein langer Krieg. Die Mutter spricht vor Gericht von den Übergriffen, der Vater spricht von Verführung durch die Tochter. Der Richter erlässt eine Kontaktsperre, über den Missbrauch steht im Urteil nichts. Der Vater darf seine Tochter zweimal im Monat sehen, aber nur im Beisein der Mutter. Zweimal besucht er Aline, die Mutter sitzt dabei, dann lässt er es sein.

Es folgen die für die Mutter einzig schönen Jahre. Sie mit ihrer Tochter, einträchtig und vertraut. „Die Leute haben uns beneidet um unsere Zweisamkeit.“ Eine Zeit, an die sich auch Aline später gern erinnern wird. Die beiden sind so stark zusammen – warum nicht noch ein Kind dazu? Als Aline 14 wird, nehmen sie einen neunjährigen Jungen zu sich. Er kommt aus schlimmen Verhältnissen und erweist sich als äußerst schwierig. Empfehlungen, ihn wieder wegzugeben, folgt die Mutter nicht; es käme ihr wie ein Verrat vor. Sie kämpft. Und Aline zieht sich zurück, kehrt in sich, erste Depressionen.

Nachdem sie in der zehnten Klasse einen Vortrag halten soll, alles daransetzt und scheitert, geht sie nicht mehr zur Schule. Die Mutter schickt sie in die Therapie, die Therapeutin vermutet bald eine verdrängte Missbrauchsgeschichte. Sie lädt die Mutter zu einer Sitzung, die Mutter spricht. Aline sagt: „Das ist mir zu krass.“ Und schweigt. Sie will da nichts hervorholen. Sie getraut es sich nicht. Sie kann es nicht. Wer will das eine vom anderen unterscheiden?

Zu Hause ist sie kaum noch; sie hat jetzt einen Freund. Er ist um einiges älter als sie und mit seinen langen, dunklen Locken ein Abziehbild ihres Vaters. Allerdings kein Psychologe, sondern ein Händler psychoaktiver Substanzen. Wie Alines Vater ist auch er labil, übergriffig. Die Mutter sieht Wohnungen, in denen die Möbel kaputtgehauen sind. Sie sieht ihre Tochter, abgemagert, apathisch. Sie beschwört Aline: Schick den Kerl in die Wüste, er tut dir nicht gut. Komm zurück.

Aline schickt die Mutter fort: Du hast überhaupt keine Ahnung. Ich lieb’ den doch.

Leute gehen auf sie zu. Kann man den Leuten trauen?

Kurz vor ihrem 18. Geburtstag kommt Aline für ein paar Wochen in die geschlossene Abteilung der Psychiatrie. Es werden weitere Psychosen folgen, sie muss noch oft ins Krankenhaus. Marihuana gegen die Dämonen? Ihr Freund versorgt sie. Das Zeug entspannt, es bringt Gelassenheit in eine Welt aus Vorwürfen und Zweifeln. Und es ruft weitere Dämonen hervor.

Man kann von Schwäche sprechen. Und auch von einer großen Stärke. Aline überwindet ihre Magersucht. Mit Mitte 20 macht sie eine Ausbildung, sie arbeitet als Verkäuferin. Ihre Kollegen mögen sie. Leute gehen auf sie zu: ein schöner, offener Mensch. Aber kann man den Leuten trauen? Was soll schon so besonders an ihr sein? Aline zweifelt weiter. Und holt nach der Arbeit nach, was sie an der Schule versäumt hat. Sie macht die Fachhochschulreife mit einem Durchschnitt von 1,8. Sie geht zu einer Schuldnerberatung, bekommt ein Darlehen und zahlt es vollständig zurück.

All das erzählt die Mutter auch irgendwann im langen Gespräch. Es ist wie ein Atemholen inmitten einer Abfolge von Absturzberichten, Stationen auf dem Weg in den Abgrund. „Meine kluge, tapfere Aline“, sagt die Mutter, ringt um Fassung, bittet um Entschuldigung und erinnert sich, wie sie immer wieder Hoffnung schöpfte, wie sie sah, dass es nicht umsonst war, sich ihr ganz zu verschreiben, die eigenen Wünsche zurückzustellen. Sie war ja immer für sie da, immer.

Wenn Aline in einer Psychose versank, brachte die Mutter sie in die Klinik und besuchte sie dort. Manchmal wehrte sich Aline gegen die Einweisungen, die sich wie ein Wegsperren anfühlten; oft dankte sie der Mutter, dass sie sich um sie kümmerte.

Dann wieder stieß sie sie von sich, fühlte sich bevormundet, verfolgt. Wenn die Mutter ihr Mal um Mal empfahl, sich in einer Therapie der Missbrauchsgeschichte zu stellen, herrschte sie sie an, sie möge sich gefälligst um sich selbst kümmern und Aline nicht mit diesem Dreck behelligen.

Der Mann, mit dem Aline sich nach dem ersten einließ, war, so erzählt es die Mutter, kein bisschen besser. Wieder ein viel älterer, diesmal ein jähzorniger Alkoholiker. Mitten in der Nacht rief Aline sie an und bat um Hilfe. Oft geschah das. Dann fuhr die Mutter sofort los, und wenn sie da war, machte niemand die Tür auf. Oder Aline sagte, es sei alles gut, falscher Alarm. Mach dir keine Sorgen, ich komm’ klar.

Die Mutter erfuhr von Nachbarn, dass immer wieder Lärm aus Alines Wohnung drang.

Warum trennst du dich nicht von dem? Du arbeitest, und er kassiert dein Geld. Er behandelt dich schlimm.

Was weißt du denn? Er hatte es so schwer in seiner Kindheit. Nicht so gut wie ich. Er braucht mich. Lass mich endlich mein Leben führen.

Nach Jahren ließ Aline sich doch helfen. Sie wollte jetzt weg von ihm, irgendwohin, wo er sie nicht fand. Die Mutter besorgte ihr eine neue Wohnung. Nach zwei Wochen wusste er, wo sie war, und alles fing von vorn an. Die Hilferufe, die Zurückweisungen.

Aline wandte sich an einen Verein für Frauen in Gewaltsituationen. Denen erzählte sie Schlimmeres, als ihre Mutter ahnte. Dass sie schon auf Dächern gestanden hatte, vor sich der Abgrund, der Ausweg. Gesprungen ist sie nicht, weil sie noch bei sich war. Wenn ihre Mutter es damals geschafft hatte, sich von dem Mann zu lösen, vor dem sie Angst hatte, dann würde ihr, Aline, das auch gelingen.

Es gelang ihr vor zwei Jahren. Es folgten ein paar Monate mit einem neuen Freund, Drogentrips, Aline geriet wieder in eine Psychose, kündigte ihren Job im Laden, der Freund trennte sich von ihr. Und sie rief den alten wieder an. Er sollte sich mal um die Katzen kümmern. Das war im letzten Sommer.

Die Mutter hörte nur noch selten etwas von Aline. Manchmal, nachts, fuhr sie zum Haus ihrer Tochter, guckte, ob Licht war, und traute sich nicht zu klingeln.

Am Abend des 1. September riefen die Nachbarn die Polizei.

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