Nachruf auf Beatrix Boesch (Geb. 1960) : Die Fremde

Sie lebte in der Stadt und auf dem Land. Sie versuchte es in Zürich, Hamburg, Bremen und Berlin. Sie betrieb einen Filmverleih, trug Post aus, wollte Naturheilerin werden und Qigong-Lehrerin. Lauter Projekte, lauter Versuche. Der Nachruf auf eine Suchende.

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Beatrix Boesch (1960-2016)
Beatrix Boesch (1960-2016)Foto: privat

Barbara, ihr erster Name, stammt aus dem Griechischen: die Fremde. Beatrix, so nannte sie sich später, kommt aus dem Lateinischen: die Glückliche. Wann man doch mit dem Namen auch sein Schicksal ändern könnte!

Die ersten 33 Jahre ihres Lebens hat sie in Zürich zugebracht. Dort ist sie aufgewachsen, adoptierte Tochter einer wohlhabenden Familie. Dass die Familie irgendwann ihren Wohlstand einbüßte, war nicht so wichtig. Wichtig war, dass Barbara sich nicht heimisch fühlte, dass sie glaubte, ein Accessoire zu sein, das sich die Eltern der Vollständigkeit halber zugelegt hatten. Wenn sie später von den Fahrten nach Davos erzählte, dann nicht, um vom schönen Skiurlaub zu berichten, sondern davon, wie sie den Jaguar vollgekotzt hat. Als sie mit neun von der Adoption erfuhr, war das eine Erklärung für ihre unordentliche Gefühlslage und ein Schlag: Warum sagte man ihr das erst jetzt, während alle um sie herum das Geheimnis längst kannten? Barbara, die Fremde.

Auf der Suche nach ihrem Platz in der Welt, nach ihrer Aufgabe, begann sie eine Ausbildung zur Floristin – die Welt schöner machen! Sie arbeitete in der Küche einer Klinik für Naturheilverfahren – die Welt gesünder machen! Sie begab sich in die alternative Szene von Zürich – die Welt anders machen! Sie betrieb einen Filmverleih und gründete ein Frauenkino – die Welt interessanter machen!

Nichts davon empfand sie als das Ihre. Mit 33 brach sie alle Kontakte in Zürich ab und zog aufs Appenzeller Land in eine kleine, exklusive Lebensgemeinschaft von Frauen. Mit 30 hatte sie festgestellt, dass die Liebe zu Frauen ihr mehr entsprach als die Liebe zu Männern. Nicht, dass sie das nicht in Zürich, zumal in der alternativen Szene, hätte ausleben können. Nur dieses Gefühl, nicht dazuzugehören, eine Fremde zu sein, das hatte sie nicht verloren. Also ganz woanders hin, ganz neu anfangen. Diesmal mit Glück. Also nannte Barbara sich Beatrix.

Also wieder anders...

Vier Jahre lebte sie in der Frauen-WG, produzierte Naturkosmetik – und stellte fest, dass es das auch nicht war. Also wieder anders, ganz anders, diesmal ohne den Anspruch, mit sich selbst auch gleich die Welt zu retten. Sie wurde Postbotin, schweizerisch: Pöstlerin. Wie lange und wo genau sie dieser Arbeit nachging, weiß niemand zu sagen; sehr lang kann es nicht gewesen sein. In ihrem Lebenslauf erwähnt sie die Sache nicht einmal. Da steht nach der Naturkosmetik und überhaupt als letzte Station nur: „02 / 98: Auswanderung nach Deutschland.“

Von einer „letzten Station“ konnte aber nie die Rede sein, auch wenn Beatrix sich in jedes Vorhaben stürzte in dem sicheren Bewusstsein, dass es dies endgültig sei: ihr Ding! Ihr Ort, an dem sie bleiben würde!

Die Frauen, die sie mochten, davon gibt es eine ganze Reihe, beschreiben Beatrix zwar als ewig Suchende, nie Ankommende. Aber nicht als eine Unglückliche. Was sie auszeichnete, war die Begeisterung. Ein kindlicher, immer neuer Glaube an das, was vor ihr stand. Wie ihre Augen glänzten, wenn sie von Plänen erzählte. Wer zweifelt, ist ein Kleingeist. Wer sagt: mal langsam, ist ein Bremser. Wo Beatrix die Energie hernahm, immer wieder die Ratschläge der Kleingeister und Bremser in den Wind zu schlagen? Gute Frage.

Hamburg: großartige Stadt, nichts wie hin! Münster: viel besser als Hamburg, nicht so groß und laut! Bremen: wunderbar, weil’s nicht Münster ist! Berlin – ach, Berlin, da wird alles anders!

Als sie herkam, lag eine abgebrochene Ausbildung zur Heilpraktikerin hinter ihr und eine Fortbildung in „Frauenshiatsu“. In Berlin arbeitete sie zuerst ehrenamtlich für einen Kulturverein, dann – war das nicht großartig! – fest angestellt. Das währte ein paar Monate, bis sie sich gemobbt fühlte und die Sache hinschmiss. Das Arbeitsamt vermittelte ihr eine Fortbildung zur Imkerin. Imkerin! Wie toll ist das denn! Aber Imkerinnen, lernte Beatrix, müssen überzählige Bienenköniginnen töten, um das Bienenvolk zu erhalten. Das fand sie unerhört. Ich zerquetsch’ doch keine Königin!

Das goldene Huhn steht auf einem Bein

Sie versuchte sich im Flamenco. Sie sang in einem spanischen Chor. Und sie machte Qigong, die chinesische Bewegungsmeditation. Da erschien sie gern kreischbunt, giftgrünes Shirt zur rosa Hose, aber sie war ganz bei der Sache. Nur in der Stellung „Das goldene Huhn steht auf einem Bein“ ruderte sie immer so komisch mit den Armen. Wen wundert’s, ihr Stand war nicht besonders fest. Aber Qigong tat ihr so gut, dass sie gleich einen Kurs zur Kursleiterin belegte.

Leider tat ihr Berlin irgendwann nicht mehr so gut. Die Beziehung, in der sie lebte, war schwierig. Sie hatte kein Geld. Es fehlten ihr die Freundinnen von früher. Sie wollte jetzt zurück, zurück an den Anfang, nach Zürich.

Da sollte sich ein Kreis schließen. Aber was für einer? Wozu die Kreisbahn? Die Freundinnen sind sich gar nicht sicher, ob sie umgezogen wäre. Von welchem Geld denn auch? Wovon hätte sie in Zürich leben sollen? Ein paar Tage, nachdem sie erfahren hatte, dass eine Wohnung frei war, dass sie jetzt nach Zürich konnte, starb sie. Ein Blutgerinnsel im Kopf, ganz plötzlich, ohne Vorwarnung.

Keine letzte Station. Keine Kreisbahn.

Auf die Frage, wann sie am glücklichsten war auf ihrem stationenreichen Leben, hat sie mal gesagt: als Pöstlerin. Da hieß sie noch nicht lange Beatrix, die Glückliche.

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