Nachruf auf Brigitte Böll (Geb. 1934) : Ein Leben - ein Rätsel

Eine glänzende Erscheinung, Grande Dame - das war die Rolle, die sie gern spielte. Dass das Geld fehlte, und warum Männer vom Geheimdienst vor der Tür standen, das behielt sie für sich

von
Brigitte Böll
Brigitte BöllFoto: privat

Klackernde Absätze, langes rotes Haar, schaukelnde Ohrringe, große, bunte Perlenketten: Auftritt Brigitte Böll. Schön ist sie, widersprüchlich und rätselhaft wie eine Romanfigur.

Was kein Zufall ist. Bücher liest sie nicht, sie inhaliert sie, springt von einem Werk zum anderen, vergleicht, interpretiert, untersucht Sprache, Technik und die Biografien der Verfasser. Und irgendwann beginnt diese leidenschaftliche Leserin damit, sich ihre eigene Geschichte zu schreiben.

Blick in die Stasi-Akte

In der Hoffnung, die Geschichte hinter ihrer Geschichte zu erfahren, haben die Kinder Brigittes Stasi-Akte gelesen. Dem ersten Eintrag, da sind sie sich sicher, hätte ihre Mutter aus ganzem Herzen zugestimmt. Er stammt von 1955, „reine Vergnügungssucht“ wird Brigitte darin attestiert. Eine Suchterkrankung muss es sein, die das junge Mädchen aus dem schönen Cottbus zur Tante nach Hannover treibt!

Und weiter fährt sie, in die Hauptstadt aller Vergnügungssüchtigen, nach Paris. Dort arbeitet sie als Au-pair-Mädchen, denn sie hat kein Geld. Der Vater ist im Krieg geblieben, die Mutter blieb allein mit ihren drei Töchtern.

Ein paar Jahre lebt Brigitte in Paris, sammelt schöne Vornamen für ihre künftigen Kinder. Mehr als für die Hauptstadt der Franzosen aber interessiert sie sich für die Sprach- und Ideenlandschaften der Literatur. Diese zu studieren lässt sie sich nicht verbieten, auch wenn sie kein Abitur hat.

Der Mann spielt

Zurück in Deutschland sitzt sie als Gasthörerin in den Vorlesungen der Literaturwissenschaften, wird aber auch in Ingenieurswesen gesichtet. Grund dafür ist das Ingenieurswesen Günther Böll. Dass Günther ein direkter Verwandter von Heinrich Böll ist, verleiht ihm in Brigittes Augen zusätzlichen Glanz.

Der Ingenieur schenkt der Schönen seinen Namen, vier Kinder und eine Villa in Berlin-Lichterfelde. Und dann beginnt er seine Gaben wieder zu zerstören, denn neben Beruf und Familie pflegt er eine prekäre Leidenschaft.

Fragt man Brigitte nach den Gründen für die Scheidung, verweist sie auf Dostojewskijs Roman „Der Spieler“. Ein Verweis auf das Psychogramm ihres Ehemannes, aber auch auf ihre Eigenart, schnell in andere Geschichten zu wechseln, wenn sie nach der eigenen gefragt wird.

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