Nachruf auf Hans Zerban (Geb. 1953) : "Das System lehne ich ab"

Was er alles hätte werden können: Kapitän, Regierender Bürgermeister, Weltmeister, Polizeichef. Im Krippenspiel hat er die Maria gespielt. Seine Behinderung sah er als Begabung: "Ich bin ein Mongole."

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Hans Zerban (1953-2017)
Hans Zerban (1953-2017)Foto: privat

Er war der Chef vom Ganzen. „Ich bestimme. Ihr tanzt nach meiner Pfeife.“ Wenn der Fahrdienst wie immer pünktlich um 7.45 Uhr kam, dann kam Hans wie immer 7.47 Uhr. So viel Zeit musste sein. „Wer legt denn fest, dass der neue Tag um null Uhr eins beginnt?“ Artikel eins seines ganz persönlichen Grundgesetzes: „Das System lehne ich ab!“ – „Welches System?“ – „Jedes System!“

Sein Äußeres entsprach durchaus seinem Selbstbewusstsein. Hans Zerban hatte ein sehr präsidiales Auftreten, und er war von daher auch nicht abgeneigt, sich für das höchste Staatsamt vorzuschlagen, als Christian Wulff zurücktrat. „Das wäre was für mich gewesen. Ich hätte auch kein Geld angenommen.“

Es gab eine Menge Ämter, die er sich vorstellen konnte, entsprechend viele Schirmmützen und Käppis hatte er gesammelt. Er hätte Kapitän werden können, Pilot, Regierender Bürgermeister, Weltmeister, Polizeichef, Sicherheitsbeamter. Im Krippenspiel hat er die Maria gespielt. Jeden Tag ging er im Anzug zur Arbeit in der Behindertenwerkstatt. In der Aktentasche verwahrte er seine Brotdose und eine Handvoll Zimmermannsnägel, die sammelte er ebenso gern wie Schirmmützen und Bierkrüge. Hans baute Lampen, malte Grußkarten, aber seine eigentliche Funktion war die des Sicherheitschefs. Nachts, wenn alle schliefen, ging er durch die Flure und sicherte die Ein- und Ausgänge. Denn das war sein Zuhause. Da brachte ihn keiner mehr weg.

In das neue Haus der Stadtgemeinschaft Berlin war er 1997 eingezogen. Hinter ihm lagen viele Jahre in der Diakonie und der Nervenklinik. Daran wäre er fast zerbrochen. „Das war eine harte Strafe, darüber möchte ich nicht mehr reden.“ „Vieles ist Vergangenheit. Vergangenheit, die hab’ ich vergessen.“ Die Gegenwart forderte ihn.

Vier halten fest, einer duscht

Hans Zerban hatte etwas ganz Spezielles, ein 47. Chromosom nämlich, ein Chromosom mehr als üblich, und das in jeder Zelle: Down-Syndrom. „Ich bin ein Mongole. Die sind immer was ganz Besonderes.“ Das ist ein Defekt, hieß es früher. Ein Mangel. Hans sah das anders. Er sah seine Behinderung als Begabung. In den Jahren nach dem Krieg ließ man seine Sicht nicht gelten. In den Pflegeeinrichtungen wurde alles getan, ihn systemtauglich zu machen. Mit Medikamenten, mit Dressur, mit brutalem Körpereinsatz: Vier halten fest, einer duscht.

Er war ein fröhliches Kind gewesen. Aber mit Zwang konnte er nicht umgehen. „Die Schule war nix für mich, immer musste ich mich umstellen, die ganze Umgebung. Ich war schon als Kind ein Dickkopf, mehr als die anderen. Mir schreibt keiner was vor.“ Er hatte eine Menge Spaß als Kind. „Kommt die Feuerwehr, wenn man den Feuermelderknopf drückt?“ Sie kam. Aber den Spaß verstanden nicht alle. Erst im Haus der Stadtgemeinschaft hatte er das Glück auf Menschen zu treffen, die ihn mochten, wie er war. Auch wenn er zuweilen sehr fordernd sein konnte, noch dazu in sehr unterschiedliche Richtungen: „Ich mach das! Hilf mir doch mal!“

Das sollte einer verstehen? Das konnte einer verstehen, wenn er seinen Humor teilte. Was schwerst mehrfach normale Menschen manchmal nicht begreifen, ist, dass jeder Mensch ein Wesen hat, das nicht behindert ist. Hans fühlte sich nie als Außenseiter. Die Leute, die ihm halfen, taten es, weil es ihm zustand, nicht weil er es nötig hatte. Und natürlich, weil es immer etwas zu tun gab.

"Pretty Woman" hatte er über 50 Mal gesehen

Zwei Projekte verfolgte er sehr hartnäckig. Zum Ersten: den Neubau des World Trade Centers, nebst verbessertem Sicherheitskonzept, für das er sich als Chief Commander durchaus zur Verfügung gestellt hätte. Sein Entwurf sah ein unangreifbares, uneinstürzbares Turmensemble vor, das Herr Bloomberg leider nicht zur Realisierung annehmen konnte, weil er bedauernd mitteilen musste, dass der Auftrag bereits an Herrn Libeskind vergeben war. Damit konnte Hans umgehen. Konkurrenz belebt das Geschäft.

Schwerer tat er sich damit, dass er mit den Planungen zur Hebung der Titanic keinen Erfolg hatte. „Die gehört nicht dem Meer, ist doch kein Müllabladeplatz.“ Er wollte ein Bergungsschiff auf den Weg bringen, notfalls das Wrack auch mit Ballons heben und dann nach New York schleppen lassen. Die Werft „Blohm + Voss“ lehnte ab, Finanzierungsanfragen an Minister Eichel, Mäzen Reemtsma, Fürstin von Thurn und Taxis wurden alle abschlägig beschieden. So blieb nicht mehr zu tun, als das letzte Bankett auf der Titanic in einem abrissreifen Pavillon des Wohngeländes nachzuspielen und das ganze Vorhaben als Kurzfilm zu dokumentieren.

Die Grenzen des Machbaren überschreiten. Katastrophen ungeschehen machen. Mit großer Geste sein Herz der Welt schenken. Van Goghs Sternennacht rührte ihn zutiefst. Den Film „Pretty Woman“ hat er über 50 Mal gesehen.

Mit 60 ging Hans in Rente, auf eigenen Wunsch. Er wollte nicht mehr jeden Tag zur Arbeit gehen. Was nicht hieß, dass er untätig blieb. „Ich mach immer sauber in Küche und Wohnzimmer; und die Einkäufe bei Kaiser’s.“

Schokolade, Piccolo, Blümchen, alles fürs persönliche Wohlergehen und das der anderen. Außerdem legte er nach wie vor Wert darauf, adrett daherzukommen. Die Hosenträger mussten akkurat sitzen, denn Chef ist man ein Leben lang.

„Ich sterbe nie.“ Aber dann fühlte er es doch: „Ich feier dieses Jahr keinen Geburtstag mehr.“ An den Tropf wollte er nicht. Und ins Krankenhaus schon gar nicht. Also stellte er Essen und Trinken ein. Der Tod kam um 7.45 Uhr. Diesmal war Hans pünktlich.

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