Nachruf auf Heidelore Graber (Geb. 1942) : Westgeld für die Ostverwandten

Die Flucht im Bollerwagen, falsche Fettaugen für die Yachtbesitzer, Howard-Carpendale-Konzerte und ein erstaunlicher Kurierauftrag. Der Nachruf auf ein Leben ohne Saus und Braus

von
Heidelore Graber (1942-2017)
Heidelore Graber (1942-2017)

Die Ostler schwammen im Geld. Im Westgeld. Dummerweise lag das Westgeld auf einer Bank in West-Berlin. Die Ostler hatten das Geld von ihren Westverwandten geerbt, die Besitzer eines Konfektionsgeschäftes gewesen waren. Und natürlich wollten sie jetzt etwas von diesem Geld kaufen, Dinge, die man im Osten nicht kaufen konnte. Also mussten sie einen Westler finden, der für sie mit ihrem Geld in die Westläden ging.

Heidelore war genau die Richtige dafür. Man konnte ihr vertrauen, denn sie gehörte zur Familie. Und sie lebte in West-Berlin. Die Ostler gaben ihr ein Honorar von 100 D-Mark im Monat, eine Bankvollmacht und Wunschlisten. Mit diesen Listen klapperte Heidelore die Warenhäuser ab, den Ku’damm rauf, die Wilmersdorfer runter, Jeans, T-Shirts, Kleider, Pelze, Schmuck, Fotoapparate, packte die Tüten und Taschen dann in ihr Auto und fuhr rüber, wo die Ostverwandten das Mitgebrachte an- und ausprobierten. Die Hälfte passte meistens nicht, also alles wieder in die Tüten, zurück über die Grenze, in die Warenhäuser, Umtausch und dies und jenes noch dazu und mit den neuen Dingen abermals in den Arbeiter- und Bauern-Staat. Und das im Zweiwochenrhythmus, von der Mitte der Siebziger bis zum Herbst ’89.

Schabowskis Zettel und dessen Konsequenz bekam Heidelore nur ganz am Rande mit, denn in der Nacht vom 8. auf den 9. November war ihr Vater gestorben. Der Vater, vor dem sie sich 40 Jahre zuvor im Schrank versteckt hatte, als er plötzlich vor der Tür stand, ein fremder, abgerissener Mann, der aus russischer Gefangenschaft entlassen worden war. Heidelore selbst, ihre Mutter und die drei Geschwister hatten zum Ende des Krieges mit einem Bollerwagen Stettin verlassen, waren in einer Plötzenseer Gartenlaube untergekommen, zu siebt in zwei Zimmern. Doch mit der Zeit weitete sich das Leben, Heidelores Familie bewirtete auf Schwanenwerder jene, die nicht jeden Pfennig zweimal umzudrehen hatten, die schicken Jachtbesitzer, die nach einem Segeltörn auf dem Wannsee im Klub einkehrten, auf ein Erfrischungsgetränk, eine Suppe. Da es weder Speck noch Butter gab, tropfte Heidelores Mutter Wachs in den Topf, und die Jachtbesitzer freuten sich über die schönen Fettaugen auf der dünnen Brühe.

Heidelore hatte in der Wirtschaft mitzuhelfen und brach ihre Schneiderlehre ab, was ihr ein Leben lang zu schaffen machte. Bei ihren eigenen Töchtern, Birgit und Sabine, so viel stand fest, würde sie streng auf eine gute, abgeschlossene Ausbildung pochen.

Doch vor den Kindern kam naturgemäß ein Mann. Bernd. Bernd lernte bei einem Versicherungskonzern, wo Heidelore mittlerweile mit ihrer Mutter und ihrer Patentante die Kantine betrieb. Nach einem langen Freitag wollte sie mit einer Freundin einen Kaffee im Kranzler trinken, aber ihre Füße brannten von dem vielen Stehen. In diesem Moment bog Bernd in seinem Käfer um die Ecke. „Dürfte ich die Damen ein Stück mitnehmen?“ Er durfte. Nach dem Kranzler fuhren sie weiter in ein Tanzlokal, ohne die Freundin. Am Hochzeitstag zogen weiße Pferde die weiße Kutsche.

Der Freitag als Festtag blieb. Jeden Freitag kauften sie eine gute Flasche Rotwein, zwei Steaks und als delikaten Höhepunkt eine Dose Champignons. Auch später kochte Heidelore jeden Freitag ein Drei-Gänge-Menü, zu dem sich die ganze Familie einfand. 50 Jahre lebten sie zusammen, Heidelore und Bernd, und schliefen nicht mal in getrennten Zimmern. Sie reisten, sie gingen auf Howard-Carpendale-Konzerte, sie kniffelten abendelang mit Tante Moni und Onkel Ralf und hörten dabei deutsche Schlager. Sie fuhren in ihren Garten auf Marienwerder und hüteten die Enkelkinder. Sie kämpften zusammen 25 Jahre lang gegen Heidelores Krebs, der immer wieder ausbrach, den sie immer wieder besiegte, bis er schließlich doch stärker war.

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