Nachruf auf Heiner Thomas (Geb. 1940) : Banjo Man

Ein Rattenfänger der herzigen Art, ein Sonnyboy, aber mehr Felix Krull als California Dreamin’. Einer, vor dem die Mutter ihre Tochter warnt. Und dann lieben sie ihn beide.

Heiner Thomas (1940-2015)
Heiner Thomas (1940-2015)Foto: privat

"Oh je, wie aus dem Leben eines Taugenichts“, wird der Vater sich gedacht haben, als der Sohn ihm eröffnete, dass er lieber eine Grafikerausbildung als das Abitur machen würde. Der Vater war Lehrer und sah sehr streng auf das Leben. Die Mutter Else hingegen sah sehr liebevoll auf den Sohn, denn sie wusste, was immer er tat, war das Richtige. „Mein kleiner Rembrandt“, nannte sie ihn, aber die Fußstapfen waren dann doch zu groß, er brach die Grafikerlehre ab, obwohl er akkurat zeichnen konnte, und wurde Lehrer. Die Schüler liebten ihn, erst recht die Sonderschüler, mit denen er in kleinen Gruppen arbeiten konnte, was das Zutrauen auf beiden Seiten vermehrte. Wann immer Heiner den Raum betrat, leuchteten die Augen. Seine Unterrichtssprache war die Musik, das Banjo und die Flöte seine bevorzugten Lehrmittel. Sein Lehrziel: Jedes Kind kann Musik machen, wenn der Lehrer es ihm zutraut.

Nebenher machte er auch Musik für die Großen. Heiner war der Banjo Man in der Band „Flinkfinger“, vier Musiker, zwei Auftritte die Woche, 40 Jahre Bluegrass und Irish Folk. „Banjos, Flöten, Bones, Gesang und blöde Sprüche“, das war Heiner. Das Banjo ist ein sehr eigenes Instrument, laut, zickig, frech, es gibt gern den Ton an. Die Sklaven brachten es nach Amerika, Rhythmus und Melodie, Klage und Protest, ein Banjo kann viele Sehnsüchte zum Klingen bringen.

Heiner hat die Bühne gerockt, und dann trat er ab und blieb der Star. Ein Rattenfänger, aber der herzigen Art, der die Flöte spielte, weil er felsenfest überzeugt war, dass die Welt Melodie ist. Ein Vagabund in Liebesdingen und auch ein wenig im Äußeren. Er war nie in seinem Leben beim Frisör – und stolz darauf. Seine Kleidung: meist Zwiebelschalenprinzip, möglichst abgewetzt, möglichst verschlissen, schlammfarben. Er konnte sich seiner Ausstrahlung ohnehin sicher sein. Ein Sonnyboy, aber mehr Felix Krull als California Dreamin’. Einer, vor dem die Mutter ihre Tochter warnt. Und dann lieben sie ihn beide. Denn ein Tag an seiner Seite war heller als ein Jahr bei vielen Alltagsmenschen, von den Nächten gar nicht zu reden. Zahllos die Sessions und Kneipenkonzerte, aber Berlin verließ er so gut wie nie. Er brauchte die große Welt nicht, die hatte er im Kopf und im Herzen.

Ein Wiesenstück mit Käfern genügte ihm als Open-Air-Bühne. Da saß er dann und musizierte. Beglückt, dass es die Welt gab, die Musik und ihn selbst. Wenn er in die Weite wollte, setzte er sich aufs Fahrrad, gemächlich, im größten Tumult ohne Angst vor Gefahren: „Else fliegt über mir. Mir kann gar nichts passieren.“

Es gibt Menschen, die leben in ihrer ganz eigenen Welt. Romantiker hießen sie früher. Schwer zu erklären den Menschen von heute. Nein, Romantik ist kein Eiapopeia-Gefühl, es ist die Sehnsucht, den Dingen ihren eigentlichen Wert zu verleihen, unter genereller Missachtung aller Preisschilder.

Heiner war ein großer Sammler, der schöne Dinge um sich brauchte und sie auch fand, weil er wie Ali Baba den Schlüssel zu allen Schatzkammern dieser Welt besaß. Sesam öffne dich! – Was so viel heißt wie: Mach die Augen auf! Und schon ist der Trödelladen eine Wunderkammer.

Romantiker sind daran gewöhnt, dass ihnen das Leben Geschenke macht, wenn nicht, schenken sie selbst. Lebensfreude vor allem, weil sie Freude am eigenen Leben haben. Schmachte nicht den Musiker an, mach selber Musik! Und wenn du eine Briefmarke brauchst, mal dir eine!

Sein erster Besuch beim Doktor brachte gleich die Gewissheit: Er würde sterben. Ein Jahr blieb ihm, und er blieb sich gleich. Er wusste, er hatte ein gutes Leben gelebt. 16 Jahre davon mit der Frau, die er sich gewünscht hatte, denn sie war so wunderbar wandelbar, dass er sich jeden Tag aufs Neue in sie verlieben konnte. Bis zuletzt.

In New Orleans tanzen die Trauernden unter lauter Musikbegleitung auf den Friedhof, jazz funeral. Hierzulande würde das gegen die Ewigeruhebewahrungspflichtverordnung verstoßen, aber die All Stars Big Band im Himmel wird ihn ohnehin schon sehnsüchtig erwartet haben: Bye-bye Banjo Man!

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