Nachruf auf Jerome-Kabaka Babikir-Moser : Heute sind sie Götter

Die erste Liebe. Sie hieße nicht so, folgten ihr nicht eine zweite oder dritte. Bei Jerome-Kabaka Babikir-Moser war es anders – vielleicht, weil er viel zu früh starb, vielleicht, weil seine erste und einzige Liebe sowieso die größte war.

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Jerome-Kabaka Babikir Moser (1986-2015)
Jerome-Kabaka Babikir Moser (1986-2015)Foto: Privat

Es ist doch bloß ein Kuss: Nur ein Grobian würde einen solchen Satz sagen. Denn es soll der erste Kuss sein, taufrisch und mit einem Herz, das bis zum Hals schlägt. Nicht hastig getauscht in einer dunklen Ecke. Prag, denkt sie, Prag ist der geeignete Ort. Es ist Sommer. Die Dächer funkeln. Sie laufen durch die Stadt, auf der Suche nach einem Fleckchen zwischen Blumen und Bäumen. Doch nirgends ein Park, eine Wiese. Sie laufen weiter, werden müde, kehren zurück ins Hotel. Sie setzen sich aufs Bett, schalten den Fernseher ein, gucken ein bisschen, schalten den Fernseher aus. Und küssen sich. Lichtpunkte wirbeln hinter ihren Lidern. Heute sind sie Götter. Und ahnen nicht, wie viel Unglück möglich sein kann.

Seit dieser Fahrt, am Ende der 10. Klasse, gehörten sie zusammen, Jerome und Lea. Obwohl er ihr die Jahre davor ein bisschen auf die Nerven ging. Diese pubertären Jungsscherze, das Reingerufe während des Unterrichts, bis dem Lehrer der Geduldsfaden riss und er seine Mutter einbestellte. Aber irgendwann ergab es sich, dass er sie auf ihrem Nachhauseweg begleitete. Er verkniff sich seine Witze, sie entdeckte, dass er zuhören konnte, ein empfindsamer junger Mann.

Und eines Tages, noch vor Prag, sagte er ihr diesen Satz: „Ich hab mich in dich verliebt.“ Verliebt? Sie war irritiert. Verscheuchte das Wort. Bis sie merkte, dass sie früh aufstand und an ihn dachte, in der Deutschstunde saß und an ihn dachte, sich am Abend die Zähne putzte und an ihn dachte.

Die erste Liebe. Niemand vergisst sie. Aber sie hieße nicht erste Liebe, folgten ihr nicht eine zweite oder dritte. Kinder, ihr seid doch noch so jung, das Leben, was wisst ihr denn schon, mahnten die Eltern. Was Jerome und Lea nicht beeindruckte. Sie liebten sich, und es fühlte sich ewig an.

Überhaupt hielt es Jerome mit der Treue. Er war in Kreuzberg aufgewachsen, zur Grundschule und in den Fußballverein gegangen. Er hatte die Wohnung mit den hohen Decken in der Schleiermacherstraße ausgesucht, obwohl Lea sich auch ein wenig in Schöneberg umgeschaut hatte, sie kannte kaum jemanden, der so an seiner Gegend hing. Und am Fußball: an Tennis Borussia, wo er jahrelang im Tor stand; an Eintracht Frankfurt, seit Kindertagen schon; an der deutschen Nationalmannschaft und an der brasilianischen – eine vertrackte Sache im Sommer 2014. Er hatte seinen Rucksack gepackt und das Flugzeug Richtung Brasilien genommen, war fünf Wochen durch das Land gezogen, hatte Portugiesisch gelernt, mit den Menschen gelebt und getanzt und kein Spiel der Deutschen verpasst: „Jemals bei einem WM-Finale dabei zu sein, das hätte ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können. Dieser tiefe Schmerz beim Tor von Higuaín direkt vor meinen Augen und das Gefühl, in einem WM-Finale in Rückstand zu geraten, ist unbeschreiblich. Als der Linienrichter die Fahne hebt und auf Abseits entscheidet, kriege ich langsam wieder Luft. Hoffen, schreien, singen, hüpfen, verzweifeln. Ein Schuss und alles wäre aus. 113. Minute: Schürrle, Götze, Explosion! Ein Erdbeben im Maracanã. Bierduschen, Jubelschreie, Tränen. Atmen ist schon lange nicht mehr, hingucken kann ich nur noch sporadisch. Wie lange noch?“ Und dann, in der 124. Minute: „Wir sind Weltmeister!“

Ein Traum, wild und bunt und wahr geworden. Wie ein anderer, im Sommer zuvor: die Hochzeit mit Lea. 70 Gäste kamen ins „Alte Zollhaus“, in Kreuzberg selbstverständlich, die Rosen blühten, türkis schimmerten ihre Schuhe unter dem Kleid hervor, türkis auch seine Fliege und der Kummerbund, und dann, nach dem Fest, machten sie sich auf den Weg nach Mexiko, ans Meer.

Ein dritter Traum zerschlug sich. Es war immer klar gewesen: Er wollte Lehrer werden. Aber das Studieren war nichts für ihn. Er hatte nebenbei einen Job bei „Ikea“ angenommen und merkte, dass es genau diese Arbeit war, die er machen wollte: in Bewegung sein, beraten, verkaufen. Er brach das Studium ab, absolvierte die Ausbildung zum Handelsfachwirt und wurde Teamleiter in der Kinderabteilung.

Kinder, die er und Lea sich wünschten, die sie haben würden, eines Tages.

Am Anfang waren es nur Kopfschmerzen. Die aufreibende Arbeit vielleicht. Ein wenig Erholung wird helfen. Sie fuhren nach New York. Aber die Schmerzen blieben. Am 31. Mai, wieder in Berlin, schlug er früh die Augen auf und sagte: „Ich fahre jetzt ins Krankenhaus.“

Ein Tumor am Thalamus. Operationen, Hoffnung, Hoffnungslosigkeit, gute Ärzte, miserable Ärzte. Für eine Untersuchung musste er in die Charité, vor dem Gebäude streikten Angestellte, aus einem Lautsprecher dröhnte „Highway to Hell“ und er sagte: „Das passt ja.“ Sein Humor, immer schon, der helle, kindliche und der dunkle. Einer, der am 1. April Geburtstag hat.

Am 1. September starb Jerome. Lea sagte ein paar Worte für ihn, einfache, schöne Worte. Und sie las ein Gedicht, aus dem er einen Satz in ihren Ehering schreiben ließ: i carry your heart with me (i carry it in/ my heart) i am never without it (anywhere/ i go you go, my dear; and whatever is done/ by only me is your doing, my darling)

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