Nachruf auf Kurt Wanski (Geb. 1922) : Mag sein, dass er anderen die Show stahl

Weil er die Chefarztautos in Herzberge mit Ata schrubbte, kam er ins Weißenseer Krankenhaus. Dort lebte er die letzten 40 Jahre. Und malte ein Bild nach dem anderen. Der Nachruf auf einen sehr freien Künstler.

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01.11.2012 15:19Kurt Wanski in einer Ausstellung seiner Bilder

Trauerfeiern sind für die Übriggebliebenen, so war das selbstverständlich auch im Fall von Kurt. Hier konnte man die Trauerfeiernden in zwei Gruppen einteilen: die christlich gesinnten vom St.-Joseph-Krankenhaus, bei denen er die letzten 40 Jahre seines Lebens wohnen durfte. Sie sangen die Christenlieder, die Kurt ebenso wenig hätte mitsingen können wie die zweite Trauergruppe. Das waren die Künstler. Einer von denen trug ein Gedicht vor, eine Ode auf Kurt: Als wir kamen, warst du schon da. / Uralter Berlinischer Adel / mit zerrissenem Strumpf und schon manchen Zahnes bar. / Ein hagerer Ritter ohne Furcht und Tadel. Auch damit hätte Kurt wenig anfangen können.

Aber der Trauerzug von der Kapelle zum Grab, der hätte Kurt gefallen! Da lief nämlich eine schöne Frau vorneweg und spielte Akkordeon. Schade, dass das seine Beerdigung war; sonst hätte er die Mundharmonika rausgeholt, hätte sie vor seinen zahnlosen Mund gehalten und hätte der Sache noch mehr Schwung verliehen. Selbstverständlich hätte er auch einen großen Hut getragen, jede Menge Abzeichen und Anstecker am Jacket, und hätte ihm jemand für seine Darbietung hinterher einen Kaffee und ein Stück Kuchen ausgegeben, dann hätte sich das alles sowieso gelohnt.

Über Kurts erste Lebenshälfte gibt es unterschiedliche Versionen, was daran liegen mag, dass er in unterschiedlichen Stimmungen Unterschiedliches erzählte. Und dass er sich an vieles gar nicht mehr erinnern konnte – oder wollte. Denn er war ein sonniges Gemüt. Nur mangelte es ihm an jener Sorte Intelligenz, die den normalen Mitgliedern unserer Gesellschaft zum Attribut normal verhilft.

Gemeinsam mit seinem Bruder wuchs er in einem Heim auf, kam bei Pflegefamilien unter und erreichte in acht Schuljahren die vierte Klasse. In der Nazizeit wurde er sterilisiert, kam in den Knast, schuftete im Heizkraftwerk und nach dem Krieg als Landarbeiter in Zehlendorf. Es wurden ihm Fleiß und Friedfertigkeit bescheinigt, doch hin und wieder stahl er etwas. Das Prinzip „Eigentum“ ist schließlich auch nur ein Prinzip. Da Kurt Prinzipien gegenüber prinzipiell wenig aufgeschlossen war und man dies für ein Nervenleiden hielt, steckte man ihn seit 1947 in „Nervenheilanstalten“, zunächst nach Wittenau, später nach Herzberge.

Kurt Wanski (1922 - 2012) und seine Bilder
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01.11.2012 15:19Kurt Wanski in einer Ausstellung seiner Bilder

Dort sah man ein, dass man diesen lächelnden Mann, der niemals Böses im Schilde führte, nicht wegschließen konnte. Ließ man ihn aber raus, wollte er sich nützlich machen: Er reinigte die Autos der Chefärzte mit „Ata“, das den Dreck gut wegscheuerte und den Lack gleich mit. So kam Kurt nach Weißensee, ans St.-Joseph-Krankenhaus. Denn hier waren sie mit einem aggressiven Patienten so überfordert wie die Kollegen in Herzberge mit dem braven Kurt. Die beiden wurden kurzerhand ausgetauscht.

In Weißensee wurde Kurt ausgiebig untersucht, aktenkundig wurde eine „Oligophrenie mittleren Grades“, ein „besonderer Hang, sich mit blanken Dingen (Abzeichen und dergl.) zu schmücken“, eine so gut wie nicht vorhandene Schulbildung („Hauptstadt der DDR? Weißensee“) sowie ein „entwaffnendes Lächeln“. Außerdem findet sich in der „Exploration des Patienten“ die Gesprächsnotiz: „Freizeitbeschäftigung? – Ich habe immer gezeichnet. Das tue ich gern.“

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