Nachruf auf Manfred Kiedorf (Geb. 1936) : Die drei Fluchten des Grafen Kiedorf

Er war ein Gott, ein Säufer, ein Genie - wenn auch ein unzuverlässiges. Warum er mal im Gefängnis saß? Jedenfalls nicht wegen Republikflucht.

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06.02.2015 09:52Manfred Kiedorf (1936 - 2015)

Im Knast hat er gesessen, drei Jahre insgesamt, die meiste Zeit davon im Arbeits- und Umerziehungslager „Schwarze Pumpe“. Unwahr ist, dass er wegen versuchter Republikflucht einsaß. Das hat er irgendwann mal so erzählt, und viele haben es weitererzählt. Es passte gut ins Bild vom Freigeist, dem das piefige Gleichmacherland zu eng sein musste. Doch irgendwie passte es auch wieder nicht, denn die Rolle, die am wenigsten die seine war, war die des Regime-Opfers. Ein Kiedorf und ein Fluchtversuch? Gescheitert? Ganz undenkbar!

So einer floh doch nicht über diese lächerliche Grenze, die das SED-Gesindel verbarrikadiert hatte. Außerdem: Die Welt hüben war ebenso zu klein und prunklos für ihn wie die Welt drüben. So unternahm er niemals einen Fluchtversuch, sondern er floh unablässig und dauerhaft erfolgreich, und mit Ost und West hatte das gar nichts zu tun. Flucht Nummer eins, da war er neun. Der Krieg war verloren, hinter Manfred lag die Kindheit auf einem echten Schloss. Es befand sich in Polen, das seit 1939 deutsch besetzt war. Manfreds Vater hatte Quartier auf diesem Schloss bezogen, ein höherer Postbeamter, laut Manfreds Erzählungen „Generalpostmeister“. Dem jüngsten Sohn, spät geboren und verwöhnt, wurde nicht allzu viel Zuverlässigkeit abverlangt, was ihn ganz offensichtlich prägte. Er wollte, so eine seiner weiteren Erzählungen, Panzergeneral werden, wovon ihm der Panzergeneral Guderian persönlich abgeraten haben soll. Als die Russen sich näherten, musste die Familie das Schloss räumen.

Manfred Kiedorf und seine Werke (1936 - 2015)
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06.02.2015 09:52Manfred Kiedorf (1936 - 2015)

Flucht Nummer zwei, die entscheidende, begann als eine Flucht vor der Langeweile und vorm Desinteresse der Mädchen. Manfred, der zeichnerisches Talent bewiesen hatte, machte eine Lehre zum Gebrauchswerber im thüringischen Sonneberg. Im Berufsschulunterricht machte er die wohl wichtigste Bekanntschaft seines Lebens: Gerhard Bätz war zwar sehr anders als er selbst, ein hoch gewachsener Kerl mit Manieren und einem Sinn für Pflicht und Ordnung, aber neben Manfred war er der einzige Knabe der Berufsschulklasse. Die beiden saßen in der letzten Bank, vor sich nur Weibsbilder, die sich kein bisschen um die beiden scherten. Welche ihrerseits unter der Schulbank ein Spiel mit Halmasteinen entwickelten, das mit Halma nichts zu tun hatte. Sie beseelten die Figuren, erklärten sie zu Königen und Soldaten, sie führten Kriege und Verhandlungen und pfiffen auf den Lehrstoff und die Gunst der Mädchen.

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